Berlin : Dunkles Vermächtnis

Was bleibt vom Spreedreieck-Skandal? Akten, Mehrkosten – aber vor allem ein sehr spezielles Gebäude

Stefan Jacobs
Licht... So präsentierte der Investor das Spreedreieck vorab. Simulation: promo
Licht... So präsentierte der Investor das Spreedreieck vorab. Simulation: promo

Jetzt liegt das Spreedreieck bei den Akten und steht zugleich an prominentem Platz: zwischen Bahnhof Friedrichstraße und Weidendammer Brücke. Hier spielt eine Schlüsselszene von Erich Kästners „Pünktchen und Anton“, hier verlobte sich Theodor Fontane. Ein ganz besonderer Ort also für diesen Büroneubau, dem man seine schwere Geburt ansieht.

Doch zunächst zu den Akten. Nach zwei Jahren mit 38 Sitzungen und 68 Zeugen hat jetzt der Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht vorgelegt. Der gibt zwei Antworten auf die Frage, ob dem Land ein Schaden entstanden ist, weil die Verwaltung dem Investor Harm Müller- Spreer ein vermeintlich lastenfreies Filetgrundstück verkaufte, in dem tatsächlich aber der unterirdische S-Bahnhof samt mehreren Ausgängen steckt. Also bekam der Investor Rabatt und durfte zudem sein Bürohaus größer bauen als zunächst genehmigt. Allerdings nicht so groß, wie er selbst gern wollte. Trotzdem forderten die Betreiber des Hotels Sol Meliá auf der anderen Straßenseite Schadensersatz – wegen des Schattens durch den plötzlich gewachsenen Nachbarn.

Beteiligt waren Senatoren von CDU, SPD und mehrere Ämter. Die aktuelle rot-rote Regierungskoalition sieht laut Abschlussbericht keinen Schaden fürs Land, die Opposition dagegen bis zu 30 Millionen Euro. Doch ist es wirklich das, was bleibt vom Spreedreieck? Was bedeutet schon ein Millionenschaden, wenn der Landeshaushalt ein einziger Milliardenschaden ist? Nein, was bleibt, ist dieses Gebäude, dessen Fassadenton keine definierbare Farbe ist, sondern irgendwo zwischen festgetretenem Laub und Tagebau changiert. In den Simulationen war das Gebäude noch ein hell leuchtendes Beispiel für moderne Büroarchitektur.

Als dann vor zwei Jahren die ersten Fassadenteile montiert wurden und alle sich über den 70er-Jahre-Kreissparkassenlook wunderten, erklärte der Investor, das werde schon noch, wenn drinnen erst Licht brenne. Jetzt brennt es, aber dringt durch die getönten Scheiben kaum nach außen. Und wer sich von der Friedrichstraße her nähert, sieht die Fenster zwischen den weit hervorstehenden senkrechten Lamellen noch nicht einmal.

Wer unter der Bahnhofsbrücke hervortritt, läuft zunächst auf eine Art Kraftwerksblock voller Längs- und Querrippen zu, an dem nur nicht „Vattenfall“ steht, sondern „Ernst & Young“. Consulting, Performance, solche Sachen. Für jedermann offen und ernsthaft beleuchtet sind nur die Klamottenläden im Parterre. Die neun Etagen darüber werfen nicht nur Schatten, sondern scheinen das Tageslicht großräumig zu absorbieren. Wo die Simulation einen ranken architektonischen Jüngling versprach, steht jetzt ein kleiner Dicker, der auch noch schlecht angezogen ist. Wäre der Neubau doppelt so hoch, würden wenigstens die Proportionen wieder stimmen.

Während sich am Sony-Center die Touristen mit gezückten Kameras scharen, laufen hier alle achtlos vorbei. Sofern sie von Süden her kommen, sind sie hier immerhin aus dem Gröbsten heraus. Sie haben die Friedrichstraße hinter sich, die trotz einzelner Raritäten wie dem Lafayette-Kaufhaus den Charme eines Tunnels versprüht: eng, laut und zugig. Auf die Spitze getrieben ist diese Enge vor dem Dussmann-Kaufhaus, wo sich immer alles staut. So geht das weiter Richtung Bahnhof, wo noch vor wenigen Jahren die Sonne auf eine Wiese schien und jetzt weder Autos und Radler noch Fußgänger passabel aneinander vorbeikommen. Das Spreedreieck bildet also den angemessenen Abschluss dieser Stadtplanung der Stimmann’schen Art, die die Ärgernisse der Kutschenära ins 21. Jahrhundert befördert hat.

Wenn hier etwas nicht zum Heulen ist, dann wohl der Tränenpalast. Noch ist die alte Grenzkontrollhalle außen blass und innen leer, aber im Spätsommer soll eine Dauerausstellung der Bonner Stiftung Haus der Geschichte einziehen. Wer den richtigen S-Bahn-Ausgang wählt, kann sie ohne einen Blick auf das Spreedreieck erreichen. Stefan Jacobs

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