Berlin : Durch die Blume

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VON TAG ZU TAG

Von Annette Kögel

Es gibt also doch so etwas wie den Ordnungssinn eines rechtschaffenen Bürgers – der plötzlich erwacht, wenn man gar nicht damit rechnet. Wie Montagmittag auf dem Viktoria-Luise-Platz. Da machen sich dreiste Zeitgenossen mit Grabegabel und Kisten in den Beeten ans Werk! Trampeln zwischen Stiefmütterchen und Goldlack herum und stechen fleißig aus. Ob sie Mitarbeiter des Umweltamtes seien – oder sich etwa auf Kosten des Bezirks bereichern? Ja, sie klauen, sagt ein Typ so gar nicht durch die Blume.

Aber mal im Ernst: Er habe von den im Auftrag des Amtes waltenden Arbeitern erfahren, dass der Schöneberger Vorzeigeplatz nunmehr mit Sommergarnitur bestückt und die Frühlingsblüher auf dem Kompost entsorgt würden. Da böte sich doch Blumen-Recycling auf Balkon und Dachterrasse an. Die – übrigens vom Bezirk bestätigte – Kunde macht schnell die Runde, und immer mehr stiefeln zu den Stiefchen: Erntedankfest in der Gärtnerei „Viki“. Anwohner, Fotogeschäft-Kunden und U-Bahnfahrer kommen ins Gespräch. Goldlack leuchte bei ihr bis in den Juli, freut sich eine Dame. Eine Lehrerin kommt mit Schülern und Plastiktüten, sie begrünen gerade den Hof. Da blüht ihnen nun was, und zwar gratis. Wer Gartencenter ausstechen will, hat aber nur noch bis heute früh Gelegenheit.

Second-Hand-Blumen aus Parks und Grünanlagen für ein paar Cent – das wäre doch angesichts allseits knapper Bezirkskassen eine Idee für ein florierendes Geschäft.

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