Berlin : Durch die Stadt mit 99 Zeilen

Ekkehard Schwerks neues Buch „Gott der Gerechte – Berlin geht pleite!“ wollen wir feiern. Das sagt jemand, der sich auskennt. Eine Würdigung vom Kollegen und Weggefährten Heinz Knobloch

NAME

Das ahnt er nicht, dass seine neunundneunzig Zeilen so auf ihn zurückkommen. Gerade ist eine Auswahl seiner Sonntagsbetrachtungen im Transit Verlag als Buch erschienen. Unter dem harmlosen Titel: „Gott der Gerechte – Berlin geht pleite!“ Der stammt von einem Flugblatt des Jahres 1848. Ein Schelm, wer dabei aktueller denkt. Ekkehard Schwerk hat Anspielungen zur Hand.

Nun haben seine Leserinnen und Leser etwas gesammelt vor sich und sind aufgerufen, in diese Texte einzudringen. Man wird entdecken, dass dieser Mensch eine Heimat hat, die er in Kinderjahren verlassen musste, an die er immer wieder denkt. Der Bautzener geht durch Berlin, sucht Nebenstraßen und Hintereingänge, wird daher auch angebrüllt als Unbefugter. Besitzt jedoch die seltene Gabe, Menschen ansprechen zu können, sie zu befragen, und sie werden gezähmt von diesem friedlichen Sachsen, der den Eingeborenen ihr Berlin überhaupt erst einmal zeigt und erklärt.

Sein Buch hat kein Nachwort, leider. Also sei hingewiesen auf das Poetische. Wie dieser Manne ihnen Pizzabäcker beschreibt! Das soll ihm erst mal einer nachmachen. Oder: mittendrin in der „Verpaßten Gelegenheit“ steht: „Bei Geschichten kommt es einzig darauf an, dass sie wahr sind, nicht darauf, dass sie sich nachprüfbar zugetragen haben.“

Schwerk unterscheidet sich mehrfach von abschreibenden Berufsgefährten im Blätterwald: Er nennt seine Quellen. Er sagt, woher er ein schönes Zitat hat, er kennt seinen Fontane und formt selber Sätze wie: „In Berlin lässt sich alles irgendwie aufs Literarische münzen…“

Beim Umgang mit dem schwierigsten Wort unserer Sprache, – ne, welches mag es sein – hat er das untrügliche Fingerspitzengefühl und setzt sein „ich“ so ein, wie es sein soll, nämlich, dass es kaum zu merken ist; es gehört einfach dazu. Die Kitschtanten und Stilstümperer kümmert das nicht.

Da Ekkehard Schwerk sich die 99 Zeilen ausgedacht hat, sind seine Stücke so beschaffen, dass jedes im Buch auf einer neuen Seite, der rechten beginnt. Unausgesprochen, jedoch hier gesagt der Rat von Victor Auburtin (1870–1928), man möge nicht zu viele hintereinander lesen, sondern nur ein paar, wenn der Lärm des Tages verklingt…

Wer solche wöchentliche Tribüne bekommt von seiner Redaktion, sei dankbar. Wenn eine Zeitung sich solchen Autor leistet, möge sie ihn behutsam pflegen. Ich sage das aus zwanzigjähriger Erfahrung mit solcher Rubrik in einem längst verstorbenen Wochenblatt.

Wir wollen dieses schöne Buch, es ist nicht sein erstes, feiern! Denn es gehört zur umfangreichen, nicht enden wollenden Berlin-Literatur, zu jener, die bleibt. Man muss nur zurückschauen: Ernst Kossak, der 1880 starb, schrieb um 1840 über den ersten Omnibus und ahnte nicht, wie seltsam sich dieses Umsteigen aus der Postkutsche, wo man sich während der Fahrt zu unterhalten pflegte, in das Gefährt mit der neuen Anonymität noch entwickeln würde.

Ich behaupte, und man möge mich im Jahre 2099 Lügen strafen, dass Ekkehard Schwerks Berlin-Buch zitiert werden wird wie Glasbrenners Berlin-Meisterstückchen.

Ansonsten: Etwa jeden Monat treffen wir zwei Sachsen uns mittags und speisen Berlinisch, Aal grün oder Leber. Hinterher trinken wir trockenen Wein. Und reden. Und was meinen Sie, worüber räsonieren zwei alte Journalisten? Das macht so viel Vergnügen, dass Ekkehard schon verspätet zur Redaktionssitzung oder dort gar nicht erschien. Seiner Rubrik war das nie anzumerken.

Lieber Ekkehard, falls das hier nur achtzig und neunzig oder sogar hundert Zeilen geworden sein sollten… Sie gehören Dir alle! Mit Dank und Respekt!

Der Autor ist 1926 in Dresden geboren und war bis 1991 Redakteur bei der „Wochenpost“. Zu seinen wichtigsten Berlin-Büchern zählen unter anderem: „Herr Moses in Berlin“ und „Stadtmitte umsteigen“. Ekkehard Schwerks „Gott der Gerechte – Berlin geht pleite!“ ist spätestens am Wochenende im Buchhandel. Es kostet 14,80 Euro.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben