Berlin : Durch die Wüste

Adventsgottesdienst im Weddinger Paul-Gerhardt-Stift

Gunda Bartels

Wie ein Bollwerk der Diakonie steht das Paul-Gerhardt-Stift an der Müller- Ecke Barfusstraße. „Anno Domini 1887“ ist über dem Portal des wuchtigen Backsteinbaus zu lesen. Gegründet wurde das 130 Jahre alte, evangelische Stift aber schon 1876, mitten im Boom der Gründerzeit, die neben Reichtum auch viel soziales Elend brachte. 450 Diakonissen kümmerten sich einst in ganz Berlin um Arme und Kranke. Ihr Leitsatz: „Keinen auszuschließen, er sei, wer er sei, und heiße wie er wolle.“ Jetzt leben noch zehn von ihnen im Mutterhaus des Paul-Gerhardt-Stiftes. Zum Adventsgottesdienst in der Stiftskapelle kommt eine der ehrwürdigen Damen mit fein gefälteter Haube munter grüßend mit dem Rollator angerattert. Trotz der schwindenden Schwesternschaft ist das weitläufige Gelände mit Wohnstiften, Gesundheitszentrum, Flüchtlingsberatung und neuem Konvent ein wichtiges soziales und geistliches Zentrum in Wedding. Und ganz der Zukunft zugewandt.

Das gilt auch für die frohe Predigt von Pfarrer Jochen Muhs, die er in der Kapelle vor dreißig sangesfreudigen Schwestern, Stiftsbewohnern und Besuchern hält. Schon am zweiten Advent prangt sie mit üppiger Weihnachtsstimmung. Im Alten Testament verheißt der Prophet Jesaja dem Volk Israel, das gerade in babylonischer Gefangenschaft darbt, Erlösung und göttliche Freude. An die Weihnachtsfreude zu glauben, falle auch uns Skeptikern oft schwer, meint Pfarrer Muhs, besonders wenn man einsam sei und sich Sorgen um die Zukunft mache. „Unsere Wirklichkeit ist nun mal kein blühendes Paradies.“ Viele fragten sich im Adventstrubel: „Was soll Weihnachten schon bringen?“ Liebe und Hoffnung gebe es eh nicht zu kaufen. Doch die frohe Botschaft des Evangeliums sagt: „Gottes Wirklichkeit ist anders als unsere. Bunt und fröhlich und alle Erwartungen übersteigend.“ Gegenüber dem Volk Israel habe Gott die ganz unwahrscheinlich klingende Verheißung Jesajas erfüllt, sagt Jochen Muhs. „Und er wird es wieder tun: Er wird sein Volk – jeden von uns – durch die Wüste führen.“

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