• Durch Festnahmen Demonstrationszug geteilt - Polizeitaktik schuf gleich zwei Konfliktherde

Berlin : Durch Festnahmen Demonstrationszug geteilt - Polizeitaktik schuf gleich zwei Konfliktherde

Werner Schmidt/Holger Stark

Die Schlüsselszene dieses 1. Mai kurz nach 19.30 Uhr an der Wiener Ecker Ohlauer Straße. Vor dem Café "Madonna" provozierten einige Punks erste Rangeleien und warfen Flaschen. Die Polizei schritt ein, teilte den Demonstrationszug zunächst in zwei Teile, zog sich dann aber zurück. Stattdessen, befahl die Einsatzleitung, solle der Zugriff einige Hundert Meter weiter auf der Ohlauer Brücke erfolgen.

Die begleitenden Hundertschaften machten sich bereit - aber der Demozug stoppte kurz vor der Brücke; die Demonstranten hatten Wind bekommen von der Absicht der Polizei. Nach längeren Verhandlungen entschied der Einsatzleiter schließlich, nicht einzugreifen. "Wir sind bewusst nicht in den Aufzug hineingegangen, um den Zug nicht sofort zu beenden", sagte gestern der Einsatzleiter, Gernot Piestert. Danach setzte sich die Demo wieder in Bewegung, weitere Zwischenfälle gab es nicht.

Als die Spitze der ungefähr 10 000 Personen großen Demonstration bereits auf dem Oranienplatz eingetroffen war, der größte Teil aber noch in der Oranien- und Adalbertstraße lief, holte die Polizei den Einsatz nach: Einsatztrupps griffen sich die mutmaßlichen Flaschenwerfer aus dem Zug. Das war das Ende der Demonstration. Da die meisten Demonstranten noch gar nicht auf dem Abschlussplatz eingetroffen waren, hatte die Polizei damit gleich zwei Konfliktherde geschaffen: Den Oranienplatz mit dem ersten Drittel und die Adalbertstraße mit weiteren Demonstranten.

Am Oranienplatz war zu diesem Zeitpunkt vom Moritzplatz her aber bereits der erste Wasserwerfer aufgefahren. Mehrfach schoss er Fontänen in die Menge. Gegenüber stand der Lautsprechertruck der längst aufgelösten Demonstration. Gellend schrie immer wieder eine Frauenstimme von dessen Hänger, die Polizei möge sich schnellstens verziehen und den Lastwagen durchlassen. "Nur, wenn Sie die Musik ausstellen", kläffte der Polizeiführer zurück. Um den Wagen herum hatten sich zahlreiche Demonstrationsteilnehmer gesammelt, keiner von ihnen hatte noch einen trockenen Faden am Leib. Währenddessen wurden auf der Oranienstraße Barrikaden aus Müllcontainern, Kneipenbänken und herbeigeschafften Obstkisten errichtet, es flogen Steine und Flaschen. Die gleichen Szenen spielten sich an der Naunyn- Ecke Adalbertstraße ab.

Nach internen Berichten der Polizei gab es schon frühzeitig Hinweise auf die bevorstehenden Krawalle: Im ersten Drittel des Demonstrationszuges wurden frühzeitig etwa 1000 Teilnehmer als gewaltbereit eingestuft, die sich dann auch noch während des Marschs mit Steinen versorgt haben sollen. Die Polizei beruft sich dabei auf Erkenntnisse von Mitarbeitern des Landesamtes für Verfassungsschutz.

In der Adalbertstraße gruben ein junger Punk Anfang 20 Seite an Seite mit einem schnauzbärtigen türkischen Familienvater um die 40 das Pflaster auf, um Steine bereit zu stellen. Über türkische Jugendliche wurde berichtet, dass sie Handzettel verteilten. Egal was während des Aufzuges auch passiere, in den Abendstunden wolle man sich in Mitte in den Hackeschen Höfen treffen, stand laut Polizei auf den Zetteln. Dort sollten die "imperialistischen Zentren" angegriffen werden. Allerdings blieb es bei der Ankündigung.

Anders als in den Jahren zuvor warfen die Straßenkämpfer keine Brandflaschen und die Polizisten schlugen keine Journalisten. Ein Fotograf soll allerdings von einem Wasserwerfer "weggespült" worden sein, sagte die Kollegin des Betroffenen. Berichte über die Plünderung der BP-Tankstelle an der Mariannenstraße entpuppten sich als harmloser. Werthebach sagte, es habe einen "schweren Raub" gegeben, mehrere Personen wurden festgenommen.

Es war am Montagabend in Kreuzberg zu beobachten, dass die Beamten trotz gelegentlicher nicht notwendiger Härte gegenüber Festgenommenen mit scheinbar wenig Aufgeregtheit ihr Handwerk verübten. Dass die Arbeit der Presse akzeptiert wurde, und es auch keine abfälligen Bemerkungen gegenüber Pressevertretern gab, war in den vergangenen Jahren ebenfalls nicht selbstverständlich.

Unter den Demonstranten gab es nach Darstellung der "Antifaschistischen Aktion Berlin" (AAB), dem Veranstalter der Demonstration, 200 bis 300 Verletzte. Die Zahl der Festnahmen von 200 Personen deckt sich mit den Angaben der Polizei. Viele von ihnen waren gestern noch in Polizeigewahrsam.

Gegen mehrere Dutzend von ihnen wollte die Polizei gestern Haftbefehle beantragen. Den Festgenommenen wird schwerer Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Ob die Staatsanwaltschaft allerdings den Wünschen der Polizei folgen würde, war gestern noch offen.Mehr zum Thema im Internet unter www.meinberlin.de/erstermai

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