Berlin : Durchgeknalltes Sportfest

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Das war keine Veranstaltung für Menschen mit Platzangst oder empfindlichen Ohren. Aber die anderen waren begeistert! Während sich die Schlange vor dem Alten Stadtbad in der Oderberger Straße noch bis zur Kastanienallee zog, drängelten sich drinnen schon die Glücklichen, die es in die ehemals prächtige Schwimmhalle mit abblätterndem Putz und rasant abfallendem Schwimmbecken geschafft hatten. Dort hingen sie über die Geländer und säumten den Laufsteg, auf dem alsbald die Modenschau mit dem seltsamen n "Designer’s Walk Off“ losbrach.

Wobei das Spektakel weniger einer Modenschau glich als einer Art durchgeknalltem Sportfest. Erst marschierten die DJs ein, in Formation wie die Besatzung eines Raumschiffs. Dann ging es los mit Betty Bund vom Laden gegenüber, die ihre Sportlinie Electrobund nach vorne schickte. Man möchte es nicht für möglich halten, aber das verpönteste Kleidungsstück der späten Neunziger, der Trainingsanzug aus Fallschirmseide, ist schon wieder da, in dezenteren Farben und hier so vorgeführt, dass es sportlich, sexy und selbstbewusst bis rotzig wirkte.

Von Defilee konnte keine Rede sein; beim „Designer’s Walk Off“ war der Laufsteg das Ziel. Für Eisdieler – ein bewährtes Berliner Streetwearlabel wie Betty Bund – gingen zwei Samurai in Camouflage und Jeansanzug ins Rennen, die sich mit Aikidostock und gebogenem Schwert so rabiat bearbeiteten, als seien sie beim Stunt in Babelsberg. Für Hasipop, war es ein Heimspiel; das Publikum jubelte, die Models auch, die Kleider, soweit man das sehen konnte, waren aus Denim und Camouflage, auf Hüfte geschnitten, mit etwas bedrohlich dreinschauenden Kuscheltieren appliziert, fürs Jungvolk gedacht. Das Label Chic@disco schickte einen dicken schwarzen und einen dünnen weißen Engel auf den Laufsteg. Richtig rund ging es, als zwei Modells – er im Kleid, sie in Hosen – den Koitus probten.

Überhaupt präsentierte sich die Mode- und Clubszene jung und so dynamisch, dass man als alter Knacker jenseits der Dreißig unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen wäre, wenn der Platz gereicht hätte. Das Publikum in der ersten Reihe lebte gefährlich; mit Angeln wurde gefuchtelt und mit Boxhandschuhen, mit Kickboards, Akrobatikfahrrädern und immer mit vollem Einsatz der Models, die sich auch der Länge lang auf den harten Steinboden warfen, wenn es der guten Sache diente.

14 Designer und 98 Models aus Berlin und Moskau hatten die Veranstalter peaceproductions zusammengetrommelt. Und so abgedreht die Schau wirkte – sie war gut organisiert, samt Übersetzung für Gehörlose und Sicherheitsgorillas am Eingang.

Ob die Mode in Berlin lebendig ist? Aber hallo! Susanna Nieder

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