Berlin : Durchs Schlüsselloch

Kleinere Operationswunden, weniger Schmerzen und die Patienten kommen schneller auf die Beine: Minimal invasive Eingriffe sind wohl die Zukunft – derzeit aber nicht in jedem Fall die bessere Lösung

Marc Neller

Es gibt Mediziner, die sprechen „minimal invasiv“ aus, als seien es Zauberworte. Es spricht einiges dafür, dass das nicht ganz falsch ist. Jedenfalls aus Patientensicht.

Doch der Enthusiasmus der Anfangsjahre und die darauf folgende Verteufelung dieser Operationstechnik sind einer nüchterneren Betrachtung gewichen. Die Fachgesellschaften sehen in der Technik der kleinen Schnitte zwar die Zukunft, sagen aber auch, dass sie längst noch nicht die Allzweckwaffe im Kampf gegen alle Krankheiten und Verletzungen ist, die eine Operation erforderlich machen.

Durch ein ganz grobes Raster betrachtet ist es so, dass die Vorteile minimal invasiver Chirurgie auch einem Laien sofort einleuchten: Der Operateur schneidet den Körper nicht mehr weit auf. Er setzt mit dem Skalpell kleine Stiche, durch die er spezielle Instrumente und eine Miniaturkamera in den Körper einführt. Die Folge ist, dass die Betroffenen äußerlich kleinere Wunden davontragen, die schneller verheilen. Ein Effekt ist, dass die Krankenhausaufenthalte kürzer werden.

Also, könnte man meinen, ist es für den Patienten allemal besser, wenn er minimal invasiv beziehungsweise laparoskopisch operiert wird. Doch ganz so einfach ist es nicht. Zwar wird die Methode in den Kliniken bei immer mehr Erkrankungen und Verletzungen angewendet. Bei Blinddarmentfernung, Leistenbruch, Kreuzbandriss oder Dickdarmkrebs, um nur ein paar Beispiele zu nennen. „Es gibt kaum noch Operationen, die man nicht laparoskopisch durchführen könnte“, sagt Hartwig Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH). Doch raten Fachleute, sehr genau zu unterscheiden. Denn welche Methode sinnvoll ist, laparoskopisch oder konventionell, hängt maßgeblich von der Krankheit oder Verletzung ab, die einen chirurgischen Eingriff notwendig macht. Und von der Erfahrung des Operateurs.

Die minimal invasive Chirurgie gibt es seit nicht einmal zwanzig Jahren. Viele Operateure taten sich schwer damit, sich auf die neue Technik umzustellen – so sie es überhaupt wollten oder mussten. Denn sie erfordert völlig anderes Arbeiten. Der Operateur sieht, bedingt durch die Kamerabilder, statt dreidimensional nur noch zweidimensional. Vor allem aber hantiert er ohne Tastgefühl, da er nur noch über langstielige Operationsinstrumente mit dem Inneren des Körpers in Berührung kommt. Inzwischen lernt ein Gutteil nachrückender Ärztegenerationen während einer sechsjährigen Facharzt-Weiterbildung ausschließlich minimal invasives Operieren.

Und doch gibt es längst nicht in allen Fachdisziplinen hinreichende Belege dafür, dass die Laparoskopie einer konservativen Operation generell überlegen ist. „Auf einigen Gebieten ist sogar das Gegenteil der Fall“, sagt DGCH-Generalsekretär Bauer. Für einen Patienten, dessen Gallenblase entfernt werden muss, hat sich die Schlüssellochchirurgie als Standard etabliert. Dies ist inzwischen durch entsprechende Studien wissenschaftlich abgesichert. Demnach treten während oder nach der Operation weniger Komplikationen wie etwa Wundheilungsstörungen auf. Die Folge: Nach Auskunft der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung werden inzwischen über 90 Prozent der Betroffenen minimal invasiv operiert.

Aus ähnlichen Gründen spreche auch bei Blinddarmoperationen oder bestimmten Formen von Leistenbrüchen einiges für die Laparoskopie, sagt Bauer. Dass die kleinen Schnitte auf diesen Gebieten überlegen seien, sei „schon wahrscheinlich, aber noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen“, sagt DGCH-Generalsekretär Bauer. Etwas anders sieht es bei komplizierten Eingriffen wie Tumoroperationen am Dickdarm oder Mastdarm oder an der Bauchspeicheldrüse aus. „Gerade für Operationen an der Bauchspeicheldrüse gilt: Da ist ein offener Eingriff tendenziell die bessere Behandlung. Ein laparoskopischer Eingriff dauert bis zu acht Stunden. Da kann man nicht von einem besseren Ergebnis für den Patienten sprechen.“

In der Vergangenheit haben Kritiker zudem immer wieder argumentiert, die Schlüssellochtechnik führe häufiger zu Komplikationen wie Abszessen im Bauchraum. Zudem sei bei Tumoroperationen die Gefahr größer, bösartige Tumorzellen zu verschleppen.

Beide Argumente sieht Hartwig Bauer durch neuere Studien „nicht bestätigt“. Aber: „Bei einer Operation können starke Blutungen entstehen. Das kann problematisch werden.“ Der Operateur hat eine eingeschränkte Sicht. „Und unter Umständen ist eine große Blutung schwerer zu stillen“, sagt Bauer. Diese oder andere Komplikationen können dazu führen, dass ein Arzt doch den Bauch oder die Hüfte aufschneiden muss. „In solchen Fällen“, sagt Bauer, „sind die Ergebnisse für den Patienten in der Regel schlechter“.

Es lohnt sich also, sich vorab gut zu informieren.

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