Seine "Lieblingsneigung" ist die Menschenbeobachtung

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E.T.A. Hoffmann in Berlin : Schicksal eines abenteuerlichen Mannes
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Der „Neueste Grundriss von Berlin“ aus dem Jahr 1826, gezeichnet von Daniel Gottlob Reymann, zeigt den Stadtkern, wie wir ihn noch heute kennen, viele Straßennamen sind noch gültig. Die Umbenennung des „Achtecks“ (links, mittig) im Jahr 1814 in „Leipziger Platz“ sollte an die Völkerschlacht bei Leipzig erinnern, der E.T.A. Hoffmann eine Komposition widmete. An der stadteinwärts führenden Leipziger Straße hatte Hoffmann mehrfach gewohnt.
Der „Neueste Grundriss von Berlin“ aus dem Jahr 1826, gezeichnet von Daniel Gottlob Reymann, zeigt den Stadtkern, wie wir ihn noch...Foto: Archiv

Mit diesen Sätzen trat der Erzähler E.T.A. Hoffmann 1809 überhaupt zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Eine stimmungsvolle Berlin-Beschreibung steht gleich am Anfang der ersten gedruckten Erzählung „Ritter Gluck“, die Hoffmann als Kenner, Liebhaber und Kritiker des Berliner Musiklebens ausweist. Im „Weberschen Zelt“ im Tiergarten, in der Gegend des heutigen Hauses der Kulturen der Welt, peinigt eine Kapelle die feinen Ohren des Erzählers. Er kommt mit einem Sonderling ins Gespräch, der gleichfalls unter der ständigen Musikberieselung in den Vergnügungsstätten Berlins leidet. Der Mann entpuppt sich als genialer Wiedergänger des Komponisten Christoph Willibald Gluck. Zum Zeitpunkt der fiktiven Begegnung war Gluck allerdings schon 22 Jahre tot. Raffiniert lässt Hoffmann in der Schwebe, inwieweit es sich bei der Gestalt um ein Gespenst oder um einen wahnsinnigen Musiker handelt.

Von der Großstadtatmosphäre und dem reichen Kulturangebot Berlins schwärmt er bereits im ersten langen Brief, den er im Oktober 1798 aus der preußischen Hauptstadt an einen Freund schickt: „Ist es irgend möglich zu machen, so bleibe ich hier in Berlin!“ Hoffmann stammte aus einer Juristenfamilie, nach einem Jurastudium in Königsberg ließ er sich zu Verwandten nach Berlin versetzen, wo er seine Ausbildung zum Staatsdiener als Referendar am Kammergericht in der Lindenstraße – heute Jüdisches Museum – fortsetzte.

Neben der Aktenfresserei besuchte der junge Mann die Kunstausstellung in der Akademie der Künste, die Oper und das Nationaltheater auf dem Gendarmenmarkt, knüpfte rasch Kontakte zu Theaterleuten und Musikern. Er nahm Kompositionsunterricht und schickte so mutig wie erfolglos ein selbst verfasstes Opernlibretto an die Königin Luise und August Wilhelm Iffland, den Intendanten des Nationaltheaters.

Ein Job in Berlin? Hoffmann ist im "Freudentaumel"

Im März 1800 wurde Hoffmann in die polnische Provinz versetzt, er musste seine Laufbahn als Jurist in Posen fortsetzen. 1807/08 kehrte er zurück, drohte aber im von Napoleons Truppen besetzten Berlin zu verhungern. Bis 1814 schlug er sich darum als Kapellmeister und Mädchen für alles an Theatern in Bamberg, Dresden und Leipzig durch. Als sich dann endlich die Möglichkeit für eine neuerliche Verbeamtung am Berliner Kammergericht eröffnete, lebte Hoffmann „in der Tat wie in einem Freudentaumel“.

Damals und heute: E.T.A. Hoffmanns Berlin
E.T.A. Hoffmann war Bürger, Künstler, Nachtgestalt. In seinen Werken überhöhte er Berlin ins Fantastische – und beschrieb doch präzise. Viel findet sich noch heute.Weitere Bilder anzeigen
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01.12.2015 17:09E.T.A. Hoffmann war Bürger, Künstler, Nachtgestalt. In seinen Werken überhöhte er Berlin ins Fantastische – und beschrieb doch...

Neben der Aussicht auf eine Festanstellung am Kammergericht berauschte ihn die Hoffnung, seine Märchenoper „Undine“ im Nationaltheater auf dem Gendarmenmarkt aufgeführt zu sehen. Seit 1802 stand dort ein gewaltiger Kulturpalast für 2000 Theaterzuschauer, außerdem waren ein Konzertsaal für 1000 Personen, Werkstätten, Büros und Depots in dem Bau des Architekten Carl Gotthard Langhans untergebracht. Das Nationaltheater mit Riesenbühne und Orchester war unter dem Intendanten Iffland zu einem führenden Theater im deutschsprachigen Raum aufgestiegen. Nun setzte sein Nachfolger Carl Moritz Reichsgraf von Brühl eigene Akzente: Er ließ die von Hoffmann komponierte Oper auf dessen Wunsch von Karl Friedrich Schinkel aufwendigst mit Dekorationen ausstatten. Die Musik Hoffmanns, der sich an Mozart und Beethoven orientierte, klang für damalige Ohren durchaus avantgardistisch. Die als Gesamtkunstwerk angelegte Inszenierung war 1816 ein großer Publikumserfolg und beeindruckte insbesondere Carl Maria von Weber, der mit Hoffmann befreundet war.

Dass im Rückblick nicht Hoffmanns „Undine“, sondern Webers fünf Jahre später aufgeführter „Freischütz“ als erste große romantische Oper im Gedächtnis geblieben ist, geht auch auf eine Brandkatastrophe zurück, die sich am 29. Juli 1817 am Gendarmenmarkt ereignete. Hoffmann erlebte das Unglück in seiner Wohnung an der Taubenstraße, Ecke Charlottenstraße: „Ich saß gerade am Schreibtisch, als meine Frau aus dem Eckkabinett etwas erblasst eintrat und sagte: Mein Gott, das Theater brennt. – Weder sie noch ich verloren indessen nur eine Sekunde den Kopf. Als Feuerarbeiter, zu denen sich Freunde gesellt hatten, an meine Türe schlugen, hatten wir mit Hilfe der Köchin schon Gardinen, Betten und die mehrsten Möbel in die hinteren, der Gefahr weniger ausgesetzten Zimmer getragen, wo sie stehen blieben, da ich nur im letzten Moment alles heraustragen lassen wollte. In den vorderen Zimmern sprangen nachher sämtliche Fensterscheiben und die Ölfarbe tröpfelte von der Hitze herab. Nur beständiges Gießen bewirkte, dass das Holzwerk nicht vom Feuer anging. – Meinen Nachbarn, die zu eilig forttragen ließen, wurde vieles verdorben und gestohlen, mir gar nichts.“ Mit dem Theaterbau von Langhans verbrannten die Dekorationen und Kostüme der beliebten „Undine“-Inszenierung, zu einer Wiederaufführung kam es nicht mehr.

"Ein pflichtvergessener, von Leichtsinn, Eitelkeit, Schreib- und Gewinnsucht getriebener Beamter"

In den folgenden vier Jahren schaute Hoffmann von seinem Schreibtisch an der Charlottenstraße zunächst auf die Brandruine, dann auf die Baustelle des Schinkel’schen Schauspielhauses auf dem Gendarmenmarkt. „Kolossal und genial gedacht“ nennt er den Musentempel in „Des Vetters Eckfenster“, einer seiner letzten Erzählungen. Hoffmann schrieb sie 1822 für eine neue Berliner Zeitschrift mit dem programmatischen Titel „Der Zuschauer“. „Des Vetters Eckfenster“ handelt von seiner „Lieblingsneigung“, dem Beobachten von Menschen in der Stadt. Ein gelähmter Schriftsteller führt seinen Besucher in die Kunst des genauen Hinsehens ein. Mit den Augen flanieren die beiden durch das Treiben unterhalb eines Fensters am Gendarmenmarkt, analysieren das Auftreten der Marktbesucher und denken sich Geschichten zu dem aus, was sie sehen.

Am 28. Juni 1822 wurde E.T.A. Hoffmann auf dem Friedhof der Jerusalemer und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor (Eingang am Mehringdamm) beigesetzt. Den Grabstein stifteten Freunde, da er seiner Witwe nichts als Schulden hinterlassen hatte. Der Originalstein wurde 1902 durch eine einfachere Version ersetzt. Regelmäßig findet man hier Gaben von Hoffmann-Fans: Blumen, Spielkarten, Briefe oder geleerte Sektflaschen.
Am 28. Juni 1822 wurde E.T.A. Hoffmann auf dem Friedhof der Jerusalemer und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor (Eingang am...Foto: Michael Bienert

Wie die Figur des Vetters fesselte eine fortschreitende Rückenmarkslähmung den Autor Hoffmann an seine Wohnung. Erst konnte er die Füße nicht mehr bewegen, als auch die Arme versagten, diktierte er seine letzten Texte seinem Pflegepersonal. Zusätzlich verdüstert wurde diese Leidenszeit durch ein schwebendes Disziplinarverfahren gegen Hoffmann. Der preußische Innenminister Schuckmann und der preußische Polizeichef Karl Albert von Kamptz hatten es gegen den Kammergerichtsrat eingeleitet. Der scharfsichtige Jurist hatte sich im Innenministerium total verhasst gemacht, weil er als Richter wiederholt für die Freilassung von Oppositionellen plädierte, die Kamptz allein wegen ihrer staatskritischen Gesinnung hinter Schloss und Riegel sehen wollte.

Über diese Praxis der staatlichen Rechtsbeugung hatte sich Hoffmann zudem in seinem letzten Roman „Meister Floh“ lustig gemacht und Kamptz als „Knarrpanti“ verspottet. Daraufhin forderte der Innenminister den König Friedrich Wilhelm III. auf, Hoffmann in ein Provinznest zu versetzen. Dieser höchst pflichtvergessene, von Leichtsinn, Eitelkeit, Schreib- und Gewinnsucht getriebene Beamte müsse schleunigst aus der Hauptstadt verschwinden!

Ehe es dazu kam, starb Hoffmann am 25. Juni 1822 in seiner Wohnung. Er wurde nur 46 Jahre alt. Der ungesunde Lebenswandel forderte seinen Tribut. Doch trotz körperlichen Verfalls blieb Hoffmann wach im Kopf und diktierte bis zuletzt an seinem literarischen Werk. Seiner Witwe hinterließ er nichts als Schulden – der Stadt Berlin aber das Entreebillett in die Weltliteratur.

Der langjährige Tagesspiegel-Autor und Berlinologe Michael Bienert hat ein Buch zum Thema verfasst. „E.T.A. Hoffmanns Berlin. Literarische Schauplätze“ erscheint im vbb – Verlag für Berlin-Brandenburg (176 Seiten, 200 Abbildungen, 24,99 Euro). Der Autor bietet auch literarische Stadtführungen an.
Der langjährige Tagesspiegel-Autor und Berlinologe Michael Bienert hat ein Buch zum Thema verfasst. „E.T.A. Hoffmanns Berlin....Foto: Verlag

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin. Er ist ein Vorabdruck aus dem neuen Buch des langjährigen Tagesspiegel-Autors und Berlinologen Michael Bienert. „E.T.A. Hoffmanns Berlin. Literarische Schauplätze“ erscheint im vbb – Verlag für Berlin- Brandenburg (176 Seiten, 200 Abbildungen, 24,99 Euro). Der Autor stellt das Buch am 3. Dezember um 20 Uhr in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung in Moabit vor und am 17. Dezember um 15.30 Uhr in der Urania. Michael Bienert bietet zudem drei literarische E.T.A.-Hoffmann-Stadtspaziergänge an, immer sonntags um 10 Uhr: am 13. Dezember 2015, 24. Januar 2016 und am 14. Februar 2016. Informationen und Anmeldung auf der Autorenwebsite www.text-der-stadt.de.

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