Berlin : E-Werk: Arbeiten statt Tanzen - der ehemalige Techno-Tempel ist verkauft

Brigitte Böttecher

Ein bisschen ist es wie früher. Wie beim morgendlichen Chill-Out nach einer der legendären Techno-Partys. Die große Halle im Abspannwerk Buchhändlerhof, besser bekannt als E-Werk, ist ziemlich dunkel. Nur die wirren Bilder von der Leinwand werfen abwechselnd rotes, blaues, grünes Licht in den Saal, begleitet von den sanften, aber dynamischen Klängen elektronischer Musik.

Richtig gefeiert wird hier allerdings nicht, und zwar für eine ganze Weile nicht mehr. Anlass des kleinen Empfangs mit Videopräsentation und Sekt ist, ganz nüchtern, ein Kaufvertrag. Einer, der den Grundstein legt für die Umwandlung des alten E-Werks in Büros. Nach neun Monaten Verhandlungen mit der Bewag ist das Berliner Unternehmen SPM Technologies neuer Eigentümer - und wird, anders als in den letzten Tagen vernommen, keines der Gebäude abreißen. "Das ist die gute Nachricht", sagt Holger Friedrich, Geschäftsführer von SPM. "Die schlechte ist: Hier wird wieder gearbeitet."

Friedrich ist jung und erfolgreich, einer, den man in Berlins Silicon-Alley, der Chausseestraße, vermuten würde. Seine Firma macht für Kunden wie die Deutsche Bank, die Telekom, Siemens, Lufthansa oder Volvo "objektorientierte Programmierung" im EAI-Segment. Was genau das ist? "Das könnte ich jetzt eine Stunde lang erklären - oder es einfach so sagen: Wir beschäftigen uns mit höherwertiger Ingenieurskunst im Technologie-Umfeld." Eine sehr gefragte Kunst, wie es scheint: 1993 gegründet, hat SPM schon jetzt 200 Mitarbeiter, 2003 sollen es 500 sein.

Wenn alles nach Plan läuft, werden bis dahin die neuen Geschäftsräume in der Mauerstraße bezugsfertig sein. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge hebt Hans Achim Grube, bei der Bewag zuständig für Immobilien, angesichts dieser Pläne sein Glas. "Das lachende Auge sieht vor allem eins: dass die Instandhaltung nun nicht mehr auf unsere Kostenstelle geht." Einen Käufer zu finden, der den denkmalgeschützten Status der teilweise über 100 Jahre alten Gemäuer respektieren würde, sei ein Hauptanliegen der Bewag gewesen, sagt Grube. Schließlich sei die AG immer eng mit der Geschichte des E-Werks verwoben gewesen. Daher wohl das weinende Auge.

Finanzsenator Peter Kurth, ebenfalls zum Anstoßen erschienen, zeigt sich vor allem erfreut. Er sieht in der Umnutzung des Werks das ideale Vorbild für ähnliche Objekte. "Berlin hat viele dieser räumlichen Ressourcen, deren besonderer Pfiff uns deutlich von Hamburg oder München unterscheidet. Es wimmelt nur so von ausgefallenen Standorten die darauf warten, wachgeküsst zu werden."

Dass viele dieser Standorte bis zum Musenkuss der Geschäftswelt für Feste und kulturelle Veranstaltungen genutzt werden, davon spricht Kurth nicht. Auch nicht davon, wohin die Klubs und Kneipen im Falle einer "Umnutzung" umgesiedelt werden könnten. Dem neuen Eigentümer des E-Werks hingegen ist diese Problematik durchaus bewusst. Die große Halle, in der von 1993 bis 1997 regelmäßig getanzt wurde, wird Friedrich nicht mit Schreibtischen vollstellen. "Das wäre unfair. Die hat schließlich Kultstatus." Stattdessen wäre es ihm am liebsten, wenn sich auf dem Gelände wieder eine Disko und ein paar Kneipen ansiedeln würden. Vielleicht wird es dann wieder ein bisschen so wie früher sein.

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