Berlin : Earl Stanley Bostic (Geb. 1947)

Mit 25 landete er in Berlin. Im Gepäck: sein E-Bass.

Anne Jelena Schulte

Earl“, erzählt Maria, „kam aus einer Welt, die für viele hier klingt wie amerikanisches Kino.“ Der Junge, der afrikanische Vorfahren hatte sowie welche aus dem Stamm der Cherokee-Indianer, kam in einem Ghetto in Detroit auf die Welt. Sieben Geschwister, Spritzen im Hausflur, die Nachbarin eine Prostituierte, die den sanften, zierlichen Earl einmal am Arm nahm und verkündete: „Dich werde ich heiraten.“

Er hing an seiner Mutter, die eine erfahrene, warmherzige Frau war. Seinen gestrengen Vater hingegen fürchtete er immer ein wenig. Der arbeitete in einer Autofabrik und seit jenem Tag, an dem er gespürt hatte, dass er „touched by Jesus“ war, auch als Pastor. Als Kirche diente ihm und seiner Gemeinde eine selbst angemietete Halle.

Earl spielte Trompete, Tuba und sang im Gospelchor der Kirche seines Vaters. So schön war seine Stimme, so gut sein Gehör, dass er als Jugendlicher aufgenommen wurde in den „Michigan Youth Chorale“. Mit mittelalterlicher und klassischer Musik tourten sie durch Europa, Asien und Südamerika – und ganz besonders fiel unter den Knaben des Chores Earl auf, der für verschiedene Plattenaufnahmen die Soloparts sang. Seine Stimme war ungewöhnlich hoch und rein, und einmal, als sie in Brasilien sangen, beschloss ein reicher Musikkenner, den Jungen intensiv zu fördern. Als eine Art Vorab-Honorar überreichte er ihm einen goldenen Ring mit den verschlungenen Buchstaben E und B. Der Ring wog schwer in der Hand. Earl Bostic mit der goldenen Zukunft! Earls Mutter aber ließ sich von dem Gold nicht blenden. Sie misstraute dem Mann und forderte ihren Jungen auf, nach Hause zu kommen. Also belegte Earl an der Universität von Detroit die Fächer Gesang und Soziologie.

Und stellte fest, dass er sich in der Rolle des Solosängers unwohl fühlte. Earl, sechstes von acht Kindern, Chorjunge, ruhiger Charakter, war lieber tragender Pfeiler als Paradiesvogel. Von allen Instrumenten zog es ihn am meisten zum Bass. Kontrabass und Bassgitarre, klassisch, jazzig, funkig und modern. „Er war“, sagt Maria, „selbst wie ein Bass, obwohl er so groß und feingliedrig war. Bei ihm fühlte man sich sofort sicher und geborgen.“

Mit einem E-Bass im Gepäck landete er als 25-Jähriger in Berlin, wo er seinen Bruder besuchte, den die U. S. Airforce hier stationiert hatte. Anschließend wollte er weiter nach Kopenhagen, das ihm auf einer Chorreise so gut gefallen hatte.

Doch da war dieser Frühlingsabend, der all seine Pläne hinweglachte. Earl besuchte ein Konzert in dem Folk-Pub „Go In“ in der Bleibtreustraße. Konzentriert und aufrecht saß er auf einer der S-Bahn- Bänke die sie dort aufgestellt hatten, als die 18-jährige Maria sich neben ihm niederließ. Los ging die Reise in eine Liebe ohne Rückflugticket. Jedenfalls beschloss Earl in den folgenden Wochen, nicht nur Kopenhagen aufzugeben, sondern auch sein Ticket zurück nach Detroit verfallen zu lassen. Face to face. Brought together in time and space. Saving grace. You and me sharing this new reality, schrieb er später in einem seiner Songtexte.

„Weißt du, dass man dunkle Fingernägel bekommt, wenn man mit einem Schwarzen schläft?“ Solche Äußerungen musste Maria ertragen, als sie ihre Liebe zu Earl zeigte. Die Hautfarbe, ein Thema, das Earl dafür verfluchte, ein Thema zu sein. Dieses Schwarz-Weiß-Denken sollte es überhaupt nicht geben – also vermied er es lange, darüber zu sprechen.

Nachdem Earl also beschlossen hatte, in Berlin zu bleiben, begann er in einem amerikanischen Musikgeschäft in Tempelhof als Verkäufer von Stereoanlagen zu arbeiten. Doch er war Musiker, Bassist mit ganzer Seele, und bald festes Mitglied der West-Berliner Musik-Szene. Er spielte in den unterschiedlichsten Genres. Die einen, wie die Jazz-, Soul-, Blues- und Funkbands, brachten den meisten Spaß, die anderen das meiste Geld. Manch einer rümpfte die Nase darüber, dass Earl sich hergab für deutsche Schlagermusik.

Der machte sich nichts draus, er war froh, dass er musizierend seine Familie ernähren konnte. Unterstützt von den Gesängen des Gospelchores hatte er inzwischen in der Kirche seines Vaters Maria geheiratet und mit ihr zwei Töchter bekommen. „Rock-a-bye baby“ sang er den beiden allabendlich zum Einschlafen, und immer noch klang seine Stimme so ungewöhnlich hoch und schön, dass sie eines großen Publikums würdig gewesen wäre.

Earl aber blieb dabei, er war Bass. Ruhig, beständig, zuverlässig. Er hatte Maria, seine Mädchen, seine Musikerkollegen. Und wenn er Zeit übrig hatte, dann sah man ihn kerzengerade und mit feierlicher Miene auf dem Fahrrad in Richtung der Kürbisse in seinem Schrebergarten radeln. „Was wünschst du dir, Earl?“ Auf diese Frage wusste Earl nie eine Antwort.

Es war ein Vormittag im Frühling, als Maria von einer plötzlichen Sehnsucht nach Earl gepackt wurde. Sie griff zum Telefonhörer, um ihn anzurufen, stockte dann, weil sie nicht wusste, was sie ihm sagen sollte. Um diese Uhrzeit starb Earl einen plötzlichen, von niemandem erwarteten Tod. Als Ursache wurde später ein unbehandeltes Herzleiden benannt. 350 Menschen feierten Earls Homecoming, Sänger, Schauspieler, Chöre und Musiker. Seine Asche wurde zwischen den Wurzeln einer alten Buche beigesetzt, begleitet von dem Kontrabass-Spiel eines seiner besten Freunde. Anne Jelena Schulte

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben