Early Tapes : Spiel mir das Lied vom Latte Macchiato

The Early Tapes haben mit „Kastanienallee“ eine heimliche Hymne der Indie-Szene geschrieben. In einem kleinen Café im Prenzlauer Berg spricht die Band über nervige Neuberliner, wie man Bescheidenheit mit Größenwahn verbinden kann, und den Traum von der großen Bühne. Natürlich bei einem Latte Macchiato.

Sidney Gennies
Fotoshooting mit Arbeitsgerät. Oliver Vogt (l.) und Oliver Brzoska. Foto: promo
Fotoshooting mit Arbeitsgerät. Oliver Vogt (l.) und Oliver Brzoska. Foto: promo

Oliver Brzoska und Oliver Vogt bilden den harten Kern der vierköpfigen Band. Ihre Musik beschreiben sie gern als Mischung aus „Beatpop, Surf und Ferienchansons“. Das kann alles und nichts bedeuten. The Early Tapes klingen ein bisschen nach 60s, sehr beschwingt. Dass die beiden Frontmänner Beatles-Fans sind, können sie nicht leugnen. Ein ehemaliges Bandmitglied soll über die Musik einmal gesagt haben, sie sei toll und höre sich an, wie schon mal gehört. Was irgendwie klingt wie „schon mal gegessen“, ist in Wirklichkeit handgemachte Musik, die gute Laune macht.

„Stolz bin ich vor allem auf meine Texte“, sagt Oliver Brzoska. Von ihm stammt auch das Lied „Kastanienallee“. Zu leichten Klavierklängen singt er darin über Zugezogene in Prenzlauer Berg. Leute, die in hippen Cafés an ihrem Latte Macchiato nippen und sich und ihren Job beim Fernsehen so wichtig nehmen. „Das Lied wird oft missverstanden“, erzählt Brzoska. „Als würde ich mich darüber aufregen, wie Menschen es wagen können, in diesen schönen Ossi-Kiez einzufallen.“ Eigentlich, sagt er, sei es nur eine Liebeserklärung an die Kastanienallee. Und nicht ohne Augenzwinkern fügt er hinzu, dass zu viele Neuberliner eben doch irgendwann nerven.

Er selbst stammt aus Kiel. Der Latte Macchiato vor ihm auf dem Tisch spricht für sich und sein Geld verdient er zu allem Überfluss auch noch mit einem Job als Regieassistent bei der Telenovela „Hanna folge deinem Herzen“. Der zweite im Bunde, Oliver Vogt, arbeitet eigentlich in der Verwaltung. Von ihrer Musik können The Early Tapes noch nicht leben. Im Radio hört man sie nicht. Eine richtige CD gibt es auch nicht. Doch das soll sich ändern.

Noch in diesem Sommer ist „ein vernünftiges Album geplant“, sagt Brzoska und schlägt dabei mit der Hand auf den Tisch, als müsste er sich selbst motivieren, die Dinge endlich anzugehen. Wie Vogt auch ist er über 40. „Und noch immer schaue ich in die Welt und frage mich, was ich wohl mache, wenn ich groß bin.“ Musik vielleicht? Den Traum vom Durchbruch jedenfalls werden die beiden nicht aufgeben. Vogt ist sogar sicher, dass sie es schaffen. „Wir haben unheimlich viel Potenzial – unsere Songs sind so super.“ Sorgen macht er sich nur, ob er in seinem aktuellen Job dann auch Teilzeit arbeiten kann. Vorher müsse man die Songs allerdings noch perfektionieren. „Wir schwanken zwischen Bescheidenheit und Größenwahn.“, Vogt lacht, aber es steckt viel Ernst dahinter.

The Early Tapes wollen raus aus der Versenkung. Mit ihren Texten über den Konflikt von Provinz und Abenteuer, über die Angst vorm Erwachsenwerden und den Alltag, der krachend auf die eigenen Träume prallt, treffen sie den Zeitgeist. Bald sollten ihre Werke auch Tantiemen abwerfen. „Wir könnten ja den Titelsong zu einem Tarantino-Film machen.“, sagt Brzoska. Der neue Song „Find What You Like And Let It Kill You“, wäre da so ein Kandidat. Noch fehlt eine Strophe. Aber beim Konzert am Mittwoch soll Premiere sein. Dann geht’s los. Bestimmt. Sidney Gennies

Das Konzert beginnt am Mittwoch um 21 Uhr in der Junction Bar, Gneisenaustraße 18, Kreuzberg. Eintritt 6 Euro

Ihr Song „Kastanienallee“ im Netz:

www.the-early-tapes.com

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