Berlin : East River statt Landwehrkanal

Der Tagesspiegel begleitet zwei Leser zum New-York-Marathon

Stefan Jacobs

Am Sonntag wollen Margot und Klaus Reinhardt in New York den Marathon laufen, aber kürzlich haben sie schon beim Fernsehen geschwitzt: In der Aufzeichnung des Laufs vom Vorjahr rutschten mehrmals die Wolkenkratzer aus dem Bild, weil die Kamera beim Weg hinauf auf die Brücken nur noch in den Himmel schaute. Die Reinhardts wussten zwar, dass der East River breiter ist als der Landwehrkanal, aber die steilen Brücken haben sie schon ein bisschen eingeschüchtert. Also beschlossen sie nach dem Fernsehabend, dass sie in New York einfach nur ankommen wollen. Das ist die offizielle Variante. Heimlich hoffen sie aber doch auf persönliche Rekorde. Bei ihrem bisher einzigen Marathon, 2002 in Berlin, ist Klaus Reinhardt seiner Frau bei Kilometer 34 davongerannt. Nach 4 Stunden und 55 Minuten hatte er die gut 42 Kilometer geschafft. Margot Reinhardt kam bei 5:08 an. „New York unter fünf Stunden – das wäre Wahnsinn, das wäre mein American Dream“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Ihr Mann verweist lächelnd auf das offizielle Ziel. „Wenn die Brücken zu steil sind, dann gehe ich da hoch. Ich bin doch nicht irre.“

Die Reinhardts studieren täglich den Tagesspiegel. In New York werden die Rollen getauscht: Der Tagesspiegel wird die Reinhardts studieren – und in den nächsten Tagen berichten, wie sie gelaufen sind.

Margot Reinhardt ist 47 Jahre alt, ihr Mann 49, sie haben beide Bürojobs. Vor der Arbeit laufen sie durch den Schlosspark Charlottenburg, nach Feierabend lesen sie Bücher über Kohlenhydrate und Lactatwerte, beschäftigen sich mit Herzfrequenzmessern und Funktionskleidung. „Freunde, die vom Laufen nichts halten, können einen so kurz vor dem Marathon nicht ertragen“, sagt Margot Reinhardt.

Ab Donnerstag werden sie unter ihresgleichen sein, wenn sie mit über 100 anderen Sportlern von der RBB-Laufbewegung (über die wir gestern in unserer Serie berichtet haben) im Flugzeug ihrem Traum entgegenschweben. Sie kennen sich ja fast alle aus der Laufbewegung, die der SFB-Sportreporter Hajo Seppelt vor knapp drei Jahren erfand und die so wunderbar einfach funktioniert: sonnabends, 14 Uhr, Siegessäule, jeder sucht sich die passende Gruppe für sein Tempo und läuft, so lange er mag. Hinterher wird unter Anleitung von Lauftrainern gestretcht. Keine Clubmitgliedschaft, keine Verpflichtungen.

Die allwöchentliche Runde durch den Großen Tiergarten absolvieren die Reinhardts längst problemlos. Aber vor einem Neun-Stunden-Arbeitstag morgens bei Frost und Dunkelheit direkt von der Bettkante in die Laufschuhe zu schlüpfen – dafür brauchen sie die Vorfreude auf New York als Starthilfe. Margot Reinhardt hat ihrem Klaus zum Geburtstag ein „Night Eye“ geschenkt: eine sündhaft teure Stirnlampe aus dem Running-Fachgeschäft. Leider hat er sie erst einmal gebraucht: Neulich, als im Keller die Glühlampe durchgebrannt war.

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