East Side Gallery : Kuss der Geschichte

Zwei Frauen, und er mittendrin. Dmitri Vrubel konnte sich nicht entscheiden – und verwandelte den Konflikt in ein Gemälde. Die Umarmung von Breschnew und Honecker, vor 20 Jahren an die Berliner Mauer gemalt, wurde zum Sinnbild eines politischen Aufbruchs. Jetzt muss Vrubel das Bild noch einmal malen. Er tut es mit gemischten Gefühlen

Dirk Becker
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Es gibt zwei Möglichkeiten, sagt Dmitri Vrubel. Malen oder nicht. Bruderkuss oder weißer Fleck. Und einen weißen Fleck will er nicht hinnehmen, weder auf dieser Mauer noch in seinem Leben.

Deshalb wird der russische Maler Dmitri Vrubel am heutigen Dienstag damit beginnen, diese Leerstelle zu tilgen, die aus sechs Mauersegmenten besteht, je anderthalb Meter lang und knapp dreieinhalb Meter hoch, insgesamt gut 30 Quadratmeter Weiß. Vrubel wird dieser Leerstelle jene zwei Gesichter zurückgeben, die ihn berühmt gemacht haben. Mit dem Bleistift wird er zunächst ein feines Gittermuster auf den Beton zeichnen. Er wird die Formen der Köpfe, die Gesichtszüge maßstabsgetreu von seiner Skizze übernehmen, auf der das gleiche Gittermuster über den Gesichtern liegt, nur kleiner. Dann folgt die Farbe. Gut drei Wochen, sagt Vrubel, werde er brauchen, dann wird auf der East Side Gallery in der Mühlenstraße wieder das Bild Nummer 25 mit dem Titel „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überstehen“ zu sehen sein, der berühmte „Bruderkuss“, Leonid Breschnew und Erich Honecker in innigster Umarmung. Es ist das bekannteste Bild der East Side Gallery, die derzeit für knapp 2,2 Millionen Euro saniert wird. Pünktlich zum 9. November, dem 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, sollen die Arbeiten an den 103 Bildern auf dem 1316 Meter langen Mauerstück abgeschlossen sein.

East Side Gallery im neuen Glanz
Februar 2012: Auch bei klirrender Kälte lassen sich Touristen an der East Side Gallery fotografieren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Kitty Kleist-Heinrich
07.02.2012 10:26Februar 2012: Auch bei klirrender Kälte lassen sich Touristen an der East Side Gallery fotografieren.


Es ist Sonntagvormittag, Vrubel steht vor dem weißen Fleck und kneift die Augen zusammen, das Sonnenlicht blendet. Die Bilder links und rechts sind seit Wochen fertig, auf der einen Seite Irina Dubrowskajas „Die Wand muss weichen, wenn der Meteorit der Liebe kommt“, Nummer 24, auf der anderen Seite Nummer 26, Marc Engels „Marionetten eines abgesetzten Stückes“. Touristen spazieren vorbei, bleiben stehen, fotografieren. Eine Frau mit französischem Akzent fragt irritiert, wo denn die East Side Gallery sei. Was, hier? Die Frau schüttelt den Kopf. Sie will die alten Bilder sehen, die echten, auf denen die Zeit Spuren hinterlassen hat. Man schickt sie Richtung Ostbahnhof, wo die Restaurierungsarbeiten noch nicht begonnen haben. Birgit Kinders berühmter Trabi durchbricht dort noch im Originalzustand die Mauer, „Test the best“, Nummer 69, die Farben verblasst, von zahllosen Graffiti überlagert.

Dmitri Vrubel streicht über den grobporigen Beton. „Das ist meine Mauer“, sagt er lachend. „In eurer Stadt.“ Mit „seiner Mauer“ hat Vrubel in den vergangenen Wochen einige Aufregung verursacht. Es hat Streit gegeben, Streit zwischen der „Künstlerinitiative East Side Gallery“, die die Sanierungsarbeiten organisiert, und der „Gründerinitiative East Side“, einem Zusammenschluss von 16 Künstlern, die ihre Bilder nicht neu malen wollen. Weil sie befürchten, dass die Mauergalerie zum Disneyland verkommt. Weil ihnen das angebotene Honorar von 3000 Euro zu niedrig ist – sie fordern 15 000 Euro. Weil sie die „Künstlerinitiative“ zudem im Verdacht haben, die Fördergelder für die Sanierung in fremde Taschen fließen zu lassen.

Auch von Vrubel hieß es zunächst, er weigere sich, sein berühmtes Bild neu zu malen. Dann aber kam plötzlich die Nachricht, der russische Künstler werde nun doch anreisen, um seinen „Bruderkuss“ wiederherzustellen. Nach diesem Sinneswandel befragt, schaut Dmitri Vrubel so entgeistert, als verstehe er die Frage überhaupt nicht. „Wer hat gesagt, ich wolle nicht malen?“, fragt er. Kopfschüttelnd und gestikulierend setzt er zu einer Erklärung an. Er gebe vielleicht zehn Interviews im Jahr, sagt er. „Aber dann lese ich jedes Mal in tausenden Artikeln meinen Namen und dazu Dinge, die ich nie gesagt habe.“ Auch auf wiederholte Nachfrage bleibt Vrubel bei dieser Version. Schulterzuckend sagt er schließlich: „Journalisten lieben Storys.“

Nicht zu malen, das habe für ihn nie zur Debatte gestanden. „Ich bin doch nicht verrückt“, sagt Vrubel. Der Bruderkuss sei ein Teil der Berliner Geschichte. „Und er ist auch ein Teil meiner Geschichte.“ Vrubel deutet auf das Mauerstück. Sollte er diesen weißen Fleck einfach stehen lassen, in Berlin und in seiner Biografie?

Klar, verstehen könne er den Streit zwischen den zwei Fraktionen der East Side Gallery. „Es ist wie in der deutschen Politik“, sagt Vrubel lächelnd. Die Restaurierer seien die CDU, ihre Gegner die SPD. Und wo steht Dmitri Vrubel? „Ich bin die FDP“, sagt er.

Doch all diese Streitigkeiten sind für Vrubel nebensächlich, wie auch die Frage, was die East Side Gallery nach der Sanierung und dem Neumalen der Bilder überhaupt noch sein könne, ob sie dadurch nicht ihren ursprünglichen Charakter als Symbol eines friedlichen Übergangs verliere. Vrubel sieht in der East Side Gallery eher „einen Sieg der freien Kunst“. Hier gebe es keine Hierarchie, Professionelles stehe neben Laienkunst, Bedeutendes neben weniger Bedeutendem. Vrubel beobachtet die Menschen, die an manchen Bilder achtlos vorbeigehen, vor anderen stehen bleiben, sie länger betrachten oder schnell fotografieren. Er nickt zufrieden.

Die Frage, ob er für sein berühmtes Gemälde wenigstens ein höheres Honorar heraushandeln konnte, bringt Vrubel vollends aus dem Konzept, sein Blick ist jetzt wirklich empört. „Ich male umsonst“, sagt er. Nicht einen Euro will er für den „Bruderkuss“ nehmen, und auch nicht für „Danke, Andrej Sacharow“, das zweite, weniger bekannte Vrubel-Bild, das ein paar Meter weiter auf der Mauer prangt. Der „Bruderkuss“ sei doch die beste Werbung für ihn, sagt Vrubel. Tausende Male fotografiert, auf Postkarten und T-Shirts gedruckt, weltweit bekannt. So viel habe er der Stadt Berlin, diesem Mauerstück an der Mühlenstraße zu verdanken. „Wer wäre ich ohne den Bruderkuss?“, sagt Vrubel. Das im Vertrag festgeschriebene Honorar will er für soziale Projekte spenden. In Berlin, vielleicht Neukölln oder Marzahn. Es sollen Kunstprojekte sein, an denen er sich auch beteiligen möchte.

Geld hat Dmitri Vrubel in all den Jahren für seinen „Bruderkuss“ nicht bekommen. Im Mai 1990 war er aus Moskau nach Berlin gekommen, um in der Stadt einige Bilder in einer Ausstellung für junge russische Kunst zu zeigen. Von einem Bekannten, der an der Mauer wohnte, erfuhr er von der East Side Gallery. Vrubel stellte sich mit seinen Ideen für den „Bruderkuss“ und „Danke, Andrej Sacharow“ vor und durfte malen. „Ich bekam sogar einen Vertrag“, sagt Vrubel. Er hat die Augen jetzt weit aufgerissen, sein Gesicht drückt übertriebenen Stolz aus. Dann schüttelt er sich vor Lachen. „Dieser Vertrag war komplett auf Deutsch geschrieben“, sagt er. Erst ein Jahr später habe er ihn sich übersetzen lassen und erfahren, dass er sämtliche Bildrechte für fünf Jahre ohne jegliche Ansprüche an eine Galerie abgetreten hatte. „In den 80er Jahren“, sagt Vrubel, „gab es in der Moskauer Künstlerszene den Mythos vom Vertrag mit einer westlichen Galerie.“ Wer den unterschrieb, der hatte es geschafft, er galt als Eintrittskarte ins Paradies. Vrubel kichert, während er davon erzählt.

Als er im Sommer 1992 erneut nach Berlin kam und die East Side Gallery besuchte, sah er einen Kiosk, an dem Postkarten mit den Motiven der Mauerbilder verkauft wurden. Eine Postkarte mit einem ganz bestimmten Motiv wurde besonders häufig verkauft. Es war der „Bruderkuss“, Stückpreis zwei Mark.

Vrubel beobachtete das eine Weile, dann fragte er die Verkäuferin, wie viele dieser Postkarten denn so verkauft würden. 20 000, sagte die Frau. Im Monat! Vrubel musste heftig schlucken. Dann kaufte er selbst ein paar Postkarten und schickte sie an seine Mutter, an seine Freunde. „Ich war einfach stolz darauf, dass ausgerechnet mein Bild auf einer Postkarte zu sehen war.“

Damals, im Juni 1990, als er Leonid Breschnew und Erich Honecker auf die Mauer malte, habe er sich gefühlt, als wäre er selbst zwischen die Lippen dieser „widerlichen alten Männer“ gepresst, sagt Vrubel. Doch das Gemälde, das seit zwei Jahrzehnten als politisches Sinnbild gelesen wird, sei ursprünglich aus einem ganz persönlichen Konflikt entstanden. „Auch wenn sich da zwei Männer küssen, zeigt es mein damals schwieriges Verhältnis zu den Frauen.“ Und zwar zu zwei Frauen, wie Vrubel präzisiert. Für keine konnte er sich entscheiden. Das habe ihn fast aufgerieben.

Im Dezember 1989 hatte ihm ein Freund aus Paris ein Foto von Breschnew und Honecker in heftiger Umarmung mitgebracht, aufgenommen in Berlin, 1979, bei der Feier zum 30. Geburtstag der DDR. Vrubel arbeitete damals in seiner Moskauer Wohnung an einem neuen Bilderzyklus. Das Foto verband sich für ihn mit dem Satz „Lieber Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überstehen“, der eigentlich ein ganz persönliches Stoßgebet war. Einem befreundeten Maler, der Vrubel in seinem Atelier besuchte, sei das Foto dann bei einem Besuch aufgefallen, zusammen hätten sie es lange betrachtet, sagt Vrubel. Der Freund sagte: Eigentlich müsste man diese beiden kaputten Typen auf die Berliner Mauer malen. Beide lachten über die Idee, die ihnen gut, aber völlig absurd vorkam. Sie ahnten damals nicht, dass in der Mühlenstraße tatsächlich seit Wochen die Mauer bemalt wurde. Wenige Tage später erhielt Vrubel dann die Einladung, einige seiner Bilder in Berlin auszustellen. Und erst dort erkannte er, dass die Schnapsidee des Bruderkusses tatsächlich umzusetzen war. Dass Honecker und Breschnew nur die Folie für seine persönlichen Liebesnöte waren, tat der Sache keinen Abbruch. „Denn in mir drinnen“, sagt Vrubel, „hat sich das so groß angefühlt, wie ich es an die Mauer gemalt habe.“

Damals, im Frühsommer 1990, habe in Ostberlin eine einmalige Atmosphäre geherrscht. Überall waren noch die Symbole der alten Macht zu sehen, doch die neue Freiheit war spürbar. Vrubel konnte auf dem Alexanderplatz sitzen, Bier trinken und über alles reden, wonach ihm der Sinn stand. Nun, vor wenigen Tagen, sagt Vrubel, habe er diese Atmosphäre plötzlich wieder gespürt, wieder in Berlin. „Keine politische, eine künstlerische Freiheit dieses Mal“, die in Moskau so nicht möglich sei, sagt Vrubel. Darum will er nun zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Viktoria Timofejewa, ein Galerieatelier in Berlin eröffnen, in der Gormannstraße. Die Eröffnung ist für den 14. Juli geplant, an dem Vrubel auch seinen 49. Geburtstag feiert.

Im vergangenen Oktober, nachdem er von der geplanten Sanierung erfahren hatte, kam Vrubel nach Berlin, um Abschied von seinem „Bruderkuss“ zu nehmen. Lange stand er vor dem ramponierten Bild und betrachtete es. Dann tat er, was so viele vor ihm getan hatten, was die Sanierung der East Side Gallery erst notwendig gemacht hatte: Vrubel schrieb seinen Namen auf sein Bild. „Sofort wurde ich als Vandale beschimpft“, sagt er. Er gab sich nicht zu erkennen. Es gefiel ihm, dass die Menschen sein Bild schützen wollten.

Als Vrubel dann im März erneut nach Berlin kam, starrte er auf nackten Beton. „Es hat mir das Herz herausgerissen, ich habe fast den Verstand verloren“, sagt er. Es sei eine Sache gewesen, zu erfahren, dass das Bild verschwinden würde. Doch tatsächlich vor der nackten Mauer zu stehen, traf ihn härter als erwartet.

Mit 80 Grad heißem Wasser haben sie die Farben abgestrahlt, bis nur noch nackter, brüchiger Beton zu sehen war. Sie haben Löcher in die Mauer geschlagen, dort, wo sich der Rost schon so tief in das Stahlskelett gefressen hatte, dass die Mauer einzustürzen drohte. Sie haben den Rost entfernt, den Stahl ausgebessert, die Löcher mit Spezialbeton geschlossen. Dann haben sie die Mauer mit frischer weißer Farbe gestrichen.

Vrubel hat gelitten. Und nachgedacht. Irgendwann fiel ihm Heraklit ein und dessen Satz, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigen kann. Je länger er nachdachte, desto klarer wurde Vrubel, dass er mit dem „Bruderkuss“ genau das tun kann: zweimal in denselben Fluss steigen. 

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