"Easy Abi" : Das Ende der Party

Sie wollten groß feiern. Jetzt ist alles weg. Eine Eventagentur hat Geld von tausenden Abiturienten veruntreut. Wie konnte es dazu kommen?

von , und Julia Link

Es sollte der schönste Tag ihrer Schulzeit werden. Die Firma „Easy Abi“ versprach Abiturienten ein sorgloses Fest, wollte alles vom Ballsaal bis zur Abi-Reise organisieren. Doch die Betreiber haben die Gelder nicht an die Hotels und Reiseveranstalter weitergeleitet, sondern sich stattdessen mit dem Geld abgesetzt. Bei der Polizei in Berlin gehen immer neue Anzeigen ein. Im Internet kursiert die Zahl von 40 betroffenen Berliner und Brandenburger Schulen.Am Mittwoch belief sich der Schaden auf 250 000 Euro. Wahrscheinlich wird er noch höher ausfallen.

Was ist genau passiert?

Die Abiturienten hatten ihre Abschlussveranstaltung bei der Eventagentur „Easy Abi“ im Internet gebucht und die Geldbeträge im fünfstelligen Bereich im Vorfeld überwiesen. Das Unternehmen sollte sie an die Ausrichter der Bälle weitergeben. Die Firma, mit bisherigem Sitz an der Schlesischen Straße in Kreuzberg, bot seit einigen Jahren einen Komplettservice für Abiturienten an. Von der Organisation des Abiballs inklusive Musik, Essen und Unterhaltungsprogramm. Auch Abschlussfahrten ins Ausland konnten bei der Firma gebucht werden. Die Agentur warb bei den Schülern mit Angeboten, bei denen sie bis zu 550 Euro sparen könnten.

Der Betrug flog auf, als die Schüler feststellten, dass die Hotels kein Geld erhalten und entsprechend auch keine Räume reserviert hatten. Für die aufwendig geplanten Abibälle in den Hotels Maritim oder Hyatt hatten die Familien der Schüler zwischen 50 und 500 Euro gezahlt. Rasant verbreitete sich die Information über den Betrug über Facebook und initiierte die Welle der Anzeigen bei der Polizei. Viele Berliner Schüler wendeten sich an den Anwalt Karun Dutta, der derzeit 16 Berliner Schulen und ihre Interessen vertritt. 24 Berliner und vier Brandenburger Schulen mit insgesamt mehreren tausend Schülern haben bisher Anzeige erstattet.

Sind nur Berlin und Brandenburg betroffen?

Bereits im Mai soll es auch in München und Hamburg zu Betrügereien an mehreren Schulen gekommen sein. Der Sender RTL und „Das Hamburg Journal“ berichteten von Schülern des Gymnasiums Dörpsweg, die im Oktober 2010 „Easy Abi“ Hamburg, damals unter der Leitung des Subunternehmers Andre H. und seiner Firma „Weitsicht“, damit beauftragten, ihren Abiball auszurichten. Insgesamt 12.000 Euro hatten sie für ihren Ball gesammelt. Der mutmaßliche Betrug flog wie in Berlin durch Zufall auf. Die Schulbehörde Hamburg hatte bereits die Information, vor dieser Firma zu warnen. Nach Tagesspiegelinformationen liegen ihr derzeit fünf Fälle betroffener Schulen vor. Beim Berliner Rechtsanwalt Dutta meldete sich am Mittwoch die Mutter einer Schülerin eines weiteren Hamburger Gymnasiums. „Abibälle sind ein lukrativer Markt für Wirtschaftskriminelle“, sagte Rechtsanwalt Dutta. Mit Summen zwischen 10 000 und 20 000 Euro ließen sich gute Geschäfte machen. Auch, weil Schüler leichter unwissentlich in die Falle tappten.

Bekommen die Schüler ihr Geld zurück?

Das ist noch unklar. Vor etwa einem Monat hat es einen Besitzerwechsel bei Easy Abi gegeben, bei dem 400 000 Euro an die alten Besitzer geflossen sein sollen. Unklar ist, ob die neuen oder alten Besitzer das Geld verprellt haben. „Aber an dieses Geld wollen wir ran“, sagte Anwalt Dutta.

Die Ermittlungen des Landeskriminalamtes sind umfangreich. So müssen Handelsregister-Auszüge gesichtet und Konten-Staffeln eingeholt werden, die aufzeigen, welche Beträge wo eingegangen und wohin weitergeleitet worden sind – insbesondere, wenn möglicherweise die Banken gewechselt worden seien, erklärt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Die Polizei sei sich sicher, dass ein Verantwortlicher ermittelt werden könne. Nicht so zuversichtlich seien die Beamten jedoch, dass das veruntreute Geld auch wiederbeschafft werden kann.

Rechtsanwalt Dutta rät unterdessen allen Betroffenen, Strafanzeige gegen die Firma und die beiden Geschäftsführer zu stellen. Eine Sammelklage sei jedoch nicht möglich. Er sei dabei, pro Schule einen Musterfall für all diejenigen anzulegen, die die Konten für die Überweisungen geführt hätten. „Es ist ein schwieriger Fall, aber ich hoffe, die Inhaber wegen schweren gewerblichen Betrugs haftbar zu machen.“

Wieso organisieren Agenturen Abibälle?

In den USA gehört der Abschlussball seit langem zum festen High-School-Ritual. Austauschschüler bringen von der anderen Seite des Atlantiks oftmals nicht nur die Idee mit nach Hause, sondern auch das bodenlange Abendkleid, das für viele Mütter, die in den späten Ausläufern der 68er groß geworden sind, noch tabu war. „Das ist der krönende Abschluss der Schulzeit“, begründete eine Schülerin. „Und so ein Ball ist der Traum eines jeden Mädchens. Viele planen schon seit Monaten das Outfit, kaufen tolle Kleider und organisieren Friseurtermine.“ Natürlich werde die Vorstellung vom Abiball auch von amerikanischen Filmen bestimmt, sagt sie.

Eine weltweit wachsende Sehnsucht nach Glamour beobachtet Christine Bücken, Mitglied der Geschäftsleitung von Hardenberg Concept. Abiturbälle würde die traditionsreiche Eventagentur aber nur in Ausnahmefällen organisieren, wenn es sich um Bekannte handelt. Normalerweise arbeitet die Agentur für große Unternehmen, und deren Sätze können sich Abiturienten eher nicht leisten. Den Trend, dass private Feiern immer kommerzieller werden und sich manchmal regelrecht zur Leistungsshow entwickeln, findet sie auch gar nicht erstrebenswert. „Ich würde das selber in die Hand nehmen. Es macht doch auch Spaß, so was in der Gruppe zu organisieren“, sagte sie.

Der Gedanke, dass sich Abiturienten ihre Bälle organisieren lassen, ist für Alexandra von Rehlingen „eine schreckliche Goldlöffelei.“ Darauf würde sich die Mitinhaberin der PR- und Event-Agentur Schöller & von Rehlingen auch gar nicht einlassen. „Das fehlt noch, dass die verwöhnten Gören sich das alles machen lassen“, sagt sie fest. Ihre Kinder jedenfalls haben sich die Bälle selber organisiert. Die Tochter hat zusammen mit ihren Schulfreunden einen so gelungenen Abiball hinbekommen, dass die Profimutter ganz beeindruckt war: „Die hätte ich alle sofort eingestellt.“

Auch Bettina Schrenk von der Agentur „Schrenk & Schrenk“ würde Abiturienten raten, ein Komitee zu gründen, die Aufgaben zu verteilen und das Fest selbst in die Hand zu nehmen. „Es gibt doch immer jemanden, der schon mal ein Fest für die Oma organisiert hat, der sich mit Bühne oder Essen auskennt.“ Die studierte Event-Managerin arbeitet nur für große Unternehmen und richtet keine Familienfeiern aus. Freilich hat auch sie beobachtet, das sich durch vergleichsweise neue Kommunikationsformen wie Facebook Gepflogenheiten ändern und neue Geschäftsmodelle entstehen. Aber die gute alte Arbeitsgemeinschaft erscheint ihr für den Erfolg von Abiturfeiern trotzdem am besten geeignet zu sein.

Wie groß ist der Markt für Abi-Agenturen?

Der Markt der Eventagenturen ist grundsätzlich eher unübersichtlich. Wie Uta Goretzky, Pressesprecherin des Forum Marketing-Eventagenturen (FME) sagt, ist Eventmanagement keine geschützte Berufsbezeichnung. Dadurch ist es schwierig einen Überblick über die Branche zu gewinnen. Weder das FME noch der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft (BDV) haben aber bisher davon gehört, dass Schüler ihren Abiball von Agenturen organisieren lassen. 19 000 Euro erscheinen BDV-Präsident Jens Michow jedenfalls ziemlich viel. Er weist darauf hin, dass im BDV Agenturen organisiert sind, die „über ein entsprechendes Renommee verfügen“. Ähnliches gilt laut Goretzky auch für das FME. Diese großen, seriösen Agenturen würden Schülern jedoch sofort davon abraten, ihren Ball organisieren zu lassen, weil das viel zu teuer sei, versichert Goretzky.

Branko Schnettker ist ein Abiballorganisator. Der Geschäftsführer einer Eventagentur aus der Nähe von Dortmund hat jedes Jahr unterschiedlich viele Anfragen, hat dabei keinen besonders starken Anstieg in den vergangenen Jahren festgestellt. Schnettker ist allerdings aufgefallen, dass „Schüler heute froh sind, wenn sie weniger machen müssen, während sie noch vor zehn Jahren mit Feuer und Flamme dabei waren, alles selbst zu machen.“ Außerdem weist er darauf hin, dass der Markt regional unterschiedlich sei. Einen pauschalen Preis für die Feiern könne er nicht nennen, da er sie immer am Budget der Schüler ausrichte – nicht umgekehrt. Etwa 500 Euro wären das Mindeste, womit Abiturienten rechnen müssten. Hätten sie aber viel Geld gesammelt, könne ein Ball auch 10 000 Euro kosten.

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