Berlin : Eberhard Diepgen: Ganz locker im Dauerlauf

Brigitte Grunert

Er hat sich kaum verändert, dieselbe Figur wie vor 30 Jahren, und immer der graue Anzug. Selbst die grauen Haare sieht man erst auf den zweiten Blick. Nur die Geheimratsecken fallen stärker auf als früher. Immerhin hat er 15 Jahre als Regierender Bürgermeister auf dem Buckel, 16 als CDU-Chef, 30 als Abgeordneter. Andere Politiker hätten den Wechsel gesucht, wären in der Routine ermüdet oder über Fallstricke gestolpert. Eberhard Diepgen hat die Rolle des Stadtpräsidenten verinnerlicht. Regierender Bürgermeister von ganz Berlin - das war sein Traum und bleibt auch zehn Jahre nach seiner Wahl die Erfüllung seiner Karriere. Es ist kein Zufall, dass er die traditionelle Jahrespressekonferenz an seinem Jubiläumstag gab. Die fünf West-Berliner Amtsjahre verschwimmen dahinter.

Diepgen fiel nie als strahlender Unterhalter auf, dafür als rastlos arbeitsam, korrekt, prinzipientreu, vorsichtig und umsichtig. Keiner kennt die Akten so gut wie er. Seit zehn Jahren hält er die Große Koalition zusammen - und die SPD an der Leine. Er wird das bis zur Wahl 2004 tun - mindestens. Gewiss gab es Kräche und Krisen, aber keine Skandale. Kein Senator von 1991 ist noch dabei. Doch kein einziger Rücktritt war ein Sturz.

Mit dem Kompliment, er sei "ein Meister der Regierungskunst", verabschiedete sich Jutta Limbach (SPD) als Justizsenatorin, um Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts zu werden. Vielleicht meinte sie seine hohe Kunst der Machtsicherung. Eberhard Diepgen kann nachgiebig Kompromisse schließen und trotzdem hartnäckig seine Ziele verfolgen, etwa die Offenhaltung des Flughafens Tempelhof für Privat- und Geschäftsflüge, den Wiederaufbau des Stadtschlosses oder den Bau der U-Bahn-Linie 5. Er hat nichts dagegen, wenn man ihn einen Salami-Taktiker nennt. Mit der Devise "Kontinuität und Erneuerung" trat er schon 1984 an. Also, was dem Wandel der Zeit geschuldet ist, muss sein, aber bitte möglichst geräuschlos, um die Wähler nicht zu verschrecken. Sparzwänge und unbequeme Modernisierungen sind nicht seine Lieblingsthemen.

Wie kein anderer beachtet er eine einfache Grundregel, auf die er auch seine Partei geeicht hat: Überlasse nichts dem Zufall,rede nur über deine Erfolge und die Fehler der anderen. Da sich die SPD so gern mit sich selbst streitet, findet sich auch immer ein CDU-Keil, der in den SPD-Spalt getrieben wird. Das Spiel mit verteilten Rollen funktioniert prima: SPD-Senatoren werden von CDU-Wadenbeißern gezwickt und anschließend vom Regierenden fürsorglich verarztet. Auch für die eigene Partei gilt: Wer nicht spurt, kriegt auf den Hut. Senator Jörg Schönbohm bekam es schlecht, dass er laut darüber nachdachte, CDU-Chef zu werden. Er machte sich fort nach Brandenburg - und dort sein Glück. Kultursenatorin Christa Thoben biss mit ihren Wünschen bei Diepgen auf Granit und trat nach nur dreieinhalb Amtsmonaten zurück.

Gewiss hatte Diepgen auch regelmäßig Kraftproben mit CDU-Rebellen zu bestehen. Aber mehr als Denkzettel bei der Wiederwahl zum Parteichef konnten sie ihm nicht verpassen. Er hat eben etwas, was niemand sonst hat: seinen Freund, Strategie- und Taktik-Meister Klaus Landowsky. Gemeinsam studierten sie Jura an der FU, gemeinsam gehörten sie einer schlagenden Verbindung an und bekämpften die APO, gemeinsam zogen sie nach dem Examen aus, zuerst die CDU, dann ihre Vaterstadt zu erobern. Als es Anfang 1984 um die CDU-Frage ging, Landesvater oder Landesmutter, hatte die aus Mainz zugereiste Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien 1984 keine Chance gegen die Machtriege um Diepgen und Landowsky.

Lange her, der Spott auf den "blassen Eberhard", dem der Mantel Ernst Reuters und Willy Brandts zu groß sei. Nur die Wähler konnten ihn einmal schmerzhaft strafen. So etwas soll ihm nie wieder passieren. Nie wird er den rot-grünen Betriebsunfall vergessen, dass ausgerechnet Walter Momper und nicht er zur Wendezeit regierte.

Doch nie war der politische Dauerläufer Diepgen so locker wie heute, nach zehn Jahren konkurrenzloser Selbstbehauptung. Die Wahlergebnisse und demoskopischen Werte der CDU geben ihm Recht, das neue Berlin ist auch sein Werk. Die SPD wurde für ihren Reformeifer nicht belohnt, für ihre Zwitracht in den 23-Prozent-Keller gestoßen. Im November wird er turnusmäßig für ein Jahr Bundesratspräsident, im Herbst 2002 ist Bundestagswahl. Wieso sollte er 2004 nicht wieder antreten? Notfalls machen Diepgen und Landowsky sogar Schwarz-Grün selber, wenn Schwarz-Rot nicht mehr klappt. Sie danken eher 2009 ab. Die Fusion mit Brandenburg wäre ohnehin eine Zäsur.

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