• Eberhard Diepgen: Machttechniker und Strippenzieher - Wie ein Parteienforscher den Regierenden Bürgermeister sieht

Berlin : Eberhard Diepgen: Machttechniker und Strippenzieher - Wie ein Parteienforscher den Regierenden Bürgermeister sieht

Richard Stöss ist Parteienforscher,als Pr

Die Stadt anständig regieren und dabei möglichst wenig politische Fehler zu machen - das könnte die Devise von Eberhard Diepgen sein. Er steht für Solidität und Kontinuität und bedient damit offenbar ein tiefes Bedürfnis der Berliner. Insgesamt 15 Jahre ist er Regierender Bürgermeister. Das ist für West-Berliner Verhältnisse eine kleine Ewigkeit. Im bundesweiten Vergleich gehört Diepgen zur Spitzengruppe der langgedienten Landesväter. Die Hitliste führt der ehemalige rheinlandpfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier (22 Jahre) an, es folgt Johannes Rau (20 Jahre). Diepgen steht auf Platz 8 der immerhin 95 Länderchefs umfassenden "ewigen" Liste und könnte noch vorrücken.

Von den demokratisch gewählten Stadtoberhäuptern in Berlin amtierten - außer Diepgen - nur zwei länger als fünf Jahre: Klaus Schütz brachte es auf zehn, Willy Brandt auf neun Amtsjahre. Die kurzen Amtszeiten haben mit der krisenhaften Entwicklung der Stadt zu tun: Teilung, Chruschtschow-Ultimatum, Mauerbau, Studentenrevolte, Terrorismus, Hausbesetzungen, Weidervereinigung. Anderswo verlief die Entwicklung gemütlicher. Aus dieser Erfahrung ist die Neigung der Berliner durchaus verständlich, am Bewährten festzuhalten und Experimente mit ungewissem Ausgang (à la Momper) zu scheuen. Bei Diepgen weiß man, was man hat.

Er ist lange Zeit unterschätzt worden, gerade auch in seiner eigenen Partei. Dass er bisweilen blass und dröge wirkt und an einen strebsamen Klassenprimus erinnert, hat ihm den Vorwurf der Profillosigkeit eingetragen. In Wirklichkeit ist er ein ausgebuffter Machttechniker und ein begabter Strippenzieher. Dass Diepgen wirklich populär ist, wage ich zu bezweifeln. Er wird aber wegen seiner Persönlichkeit, Integrität, Sachkompetenz und Managerfähigkeit in allen politischen Lagern geschätzt und geachtet, weit mehr als jeder andere Politiker in der Stadt. Sein Erfolg beruht eben auch auf der Schwäche seiner Konkurrenten, insbesondere bei der SPD. Die CDU ist mittlerweile die "Berlin-Partei" geworden und sie ist die Mehrheitspartei in allen Arbeitnehmergruppen. Das Handicap der CDU besteht darin, dass sie nicht über die absolute Mehrheit und nur über einen möglichen Koalitionspartner verfügt. Hier offenbart sich die eigentliche Schwäche von Diepgen: Wenn sich die SPD umorientiert, muss er seinen Schreibtisch im Roten Rathaus räumen.

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