Berlin : Eberhard Diepgen muss die letzten Umfragen aus doppeltem Grunde fürchten

Lorenz Maroldt

Eine Woche vor der Wahl in Berlin wird es dem Regierenden Bürgermeister und CDU-Landesvorsitzenden langsam schwindelig. Der bodenständige Diepgen, nicht gerade als Überflieger bekannt, blickt in die Tiefe - und unten lauert die absolute Mehrheit. Je länger der Wahlkampf dauert, desto höher schraubt sich die CDU in den Meinungsumfragen. Zur selben Zeit versinkt die SPD. Von einer rot-grünen Koalition, noch im Januar in den Meinungsumfragen mit einer Mehrheit versehen und erklärtes Wahlziel beider Parteien, ist schon lange keine Rede mehr. Alle hatten sich eingestellt auf eine Fortsetzung der jetzigen Regierung unter Führung der CDU. Doch plötzlich sieht alles ganz anders aus: 45 Prozent der Stimmen können der CDU zur absoluten Mehrheit der Sitze reichen.

Wer allerdings meint, in der Spitze der CDU würde jetzt Jubel ausbrechen, täuscht sich gewaltig. Weder sind Diepgen die Umfragen recht, noch wäre es ein solches Ergebnis am 10. Oktober. Die Umfragen: Sie machen die Union langsam übermütig, was nicht gut ist in den letzten Tagen des Wahlkampfes, in denen noch einmal alle Kraft gebraucht wird; und sie schrauben die Erwartung so hoch, dass selbst ein Ergebnis von 40 Prozent, vor kurzem noch eine Sensation, eine kleine Enttäuschung wäre. Immerhin sind fast dreißig Prozent der Wähler entweder noch unentschlossen oder ihrer Entscheidung für eine Partei noch nicht sicher. Da ist noch einiges an Bewegung drin. Das Ergebnis: Es wäre für Diepgen nicht leicht, damit zurecht zu kommen. Er liebt es berechenbar; er hat sich auf eine Fortsetzung der Koalition eingestellt. Die absolute Mehrheit der Sitze aber wäre eine kleine Revolution. Diepgen braucht die SPD aus vielerlei Gründen, vor allem aber aus einem: zur Disziplinierung der eigenen Leute, die im Rausch leicht zur Meute würden.

Die SPD dagegen kann selbst diese Umfrage nicht mehr erschüttern. Vielleicht erleichtert es ihr sogar den Weg ins neue Jahrhundert. Das ungute Gefühl, als kleiner Partner der CDU langsam unterzugehen, beschleicht längst nicht mehr nur die Sozialdemokraten links von der Mitte. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende: Wer das will, hat es leichter, wenn die Union mit eigener Mehrheit regiert. Erspart bliebe der SPD eine quälende, ja gefährliche Entscheidung: Zöge sie sich gedemütigt aus der Koalition zurück und überließe der CDU den Senat, ohne dass diese über die absolute Mehrheit verfügte, stünden die Sozialdemokraten als verantwortungslose Gesellen da. Ein ganzer Landesverband macht den Lafontaine - das käme gar nicht gut an in der Stadt. Die nächste Wahl, die bald darauf folgen würde, müsste die SPD wahrlich fürchten.

Mit Umfragen verhält es sich sich ähnlich wie mit dem Wetterbericht. Frösche können irren, Meinungsforscher auch. Dass sich die Stimmung in der Stadt im Laufe des Jahres gewandelt hat, ist allerdings mit Händen zu greifen. Das Komische ist nur: Niemand weiß so genau, warum. Der Senat hat in den vergangenen Monaten fast nichts mehr richtig gemacht, im Gegenteil: auf eine Schlappe (Flughafenurteil) folgte eine Peinlichkeit (kein Haushalt 2000), und schon war die nächste Schlappe in Sicht. Der Bund wurde stillos empfangen, die Regierungszeit endet mit dem obligatorischen Streit um das Brandenburger Tor. Warum die Menschen sich mit dem Senat trotzdem zufriedener zeigen als noch vor wenigen Monaten, wird auch dem Senat selbst ein Rätsel sein. Und warum die Menschen mit der CDU ganz besonders zufrieden sind, viel zufriedener als am Anfang des Jahres, kann nicht mal die CDU erklären. Die SPD habe ein Vermittlungsproblem, sagen die Meinungsforscher. Aber was hat die CDU vermittelt?

Offenbar genug, um im Osten der Stadt mehr Boden gut zu machen, als selbst die größten Optimisten in der CDU erhofft hatten: 32 Prozent hier, gegenüber 53 Prozent im Westen. Da mögen die strahlenden Sieger Vogel und Biedenkopf mitgewirkt haben, nach dem Motto: So einen wollen wir auch haben! Die SPD aber, deren Spitzenkandidat Momper gerade im Osten so beliebt war, hat das Nachsehen und weiß nicht, warum. Selbst in den Niederlagen der vergangenen Jahre hatte die SPD den Trost, als einzige Partei im Osten und Westen annähernd gleich stark zu sein. Nicht einmal das ist ihr geblieben. Jetzt ist sie - mit 21 Prozent - hüben wie drüben gleich schwach.

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