Berlin : Eberhard Kluß (Geb. 1938)

Hätte es geholfen, über die Bilder, die ihn verfolgten, zu reden?

Heinz Kluss

Großgiesmannsdorf, Kreis Neisse, Oberschlesien. Eberhard, sechs Jahre alt, hockt auf der Fensterbank. Mit seinen braunen Kinderaugen verfolgt er den Briefträger, sieht, wie er im gegenüberliegenden Haus Post abliefert. Wohin würde er jetzt seine Schritte lenken? Manchmal geschah das Wunder und die Amtsperson öffnete die quietschende Hoftür, schritt ganz dicht am Fenster vorbei, pochte an die Haustür. Das Glück war vollkommen, wenn er einen Brief vom Vater, in Russland Sanitätsunteroffizier, brachte, den die Mutter dann vorlas, und in dem immer ein paar Sätze an die Kinder gerichtet waren.

Häufig genug, das wussten die Kinder, brachte der Briefträger böse Nachrichten. Tante Mariechen, die mit ihren drei Kindern im selben Haus wohnte, erhielt einen solchen Brief. Saß dann lange auf der Treppe, heulte sich die Seele aus dem Leib. Ihr Mann, der Onkel Hermann, war bei Leningrad „für Führer, Volk und Vaterland“ gefallen. Kriegerwitwe.

Januar 1945. In der Stube ist es warm und ruhig. Doch draußen die Welt, die ist verrückt geworden. Offene Fuhrwerke ziehen vorbei, darauf verhärmte Frauen, frierende Kinder, apathische Greise. Flüchtlinge zwischen ihren Habseligkeiten, auf Pferdewagen, auf Schlitten, viele zu Fuß. In der Ferne das Wummern von Kanonen. Abends spiegelt sich der flackernde Feuerschein des Krieges am Himmel. Wie ein Film. Aber das ist kein Film, das ist der Tod. Ob Eberhard das ahnt?

Februar 1945. Jetzt sitzen auch er, seine Mutter und seine drei Brüder auf einem Lastwagen, neben ihnen andere Mütter, andere Kinder. Hinter ihnen verschwindet das Dorf im schneeigen Dunst. Zurück bleiben Oma und Opa, beide werden die spätere Flucht nicht überleben. Chaos auf dem Bahnhof Neisse. Sie wissen nicht, wohin der Zug sie bringt. Tage später sind sie in Österreich. Die Stadt heißt Wels. Flüchtlingslager. Einhundert Menschen auf engstem Raum.

Nach wenigen Tagen holt der Krieg die Kriegsflüchtlinge ein. Sirenen, das Dröhnen von Flugzeugen, Bombenangriff. Panik, alle stürzen in den Keller. Detonationen. Frauen beten. Die Wände beben, Putz rieselt von der Decke. Nach der Entwarnung ein Gang durch die Stadt. Rauchende Trümmer, leere Fensterhöhlen. Was geht da in einer Kinderseele vor?

März 1945. Inzwischen haben sie auf einem einsamen Bauernhof eine Bleibe gefunden. In der Ferne die Silhouette der Alpen. Die Mutter scheut keine Arbeit. Der junge Bauer, im Krieg verwundet, und seine Schwester, beide noch unverheiratet, behandeln die vier Jungen, als seien sie ihre Kinder. Die toben in den Ställen, in der Scheune, im Wald, auf dem Feld herum. Der Krieg ist jetzt weit weg, hin und wieder sieht man Bomber, die am Himmel ihre Kondensstreifen ziehen.

An einem Frühlingstag spielen die Brüder im Wald, werfen mit Tannenzapfen, sitzen im Moos, Vogelzwitschern. Plötzlich öffnen sich die Schleusen der Hölle. Flugzeuge rasen so tief über sie hinweg, als würden sie die Wipfel der Bäume berühren, eine der Maschinen feuert aus den Kanonen. Schießen sie auf die spielenden Knaben? Nein, die schießen sich gegenseitig ab! Der größte der vier Brüder drückt den kleinsten neben sich auf den Boden. Eberhard rennt in den Wald, schreiend, weinend, wie von Furien gehetzt. Plötzlich wieder Stille. Das Ganze hat nur Sekunden gedauert. Die Schmetterlinge flattern, als wäre nichts gewesen. Laut schluchzend kommt Eberhard zurück, der große Bruder zischt ihm zu: „Leg dich hin, verdammt!“ Gehorsam krallt auch er sich ins Moos.

April 1945. Die Mutter geht mit ihren Söhnen zum Einkaufen in das drei Kilometer entfernte Thalheim. Die Wiesen blühen, vor ihnen erhebt sich der Kirchturm, rechts das Schloss. Erschöpft und durstig trotten sie die schmale Dorfstraße hinunter. Da sehen sie einen Mann im gestreiften Anzug. Er taumelt vor ihnen her, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen. Ein Säufer im Schlafanzug am frühen Morgen? Bis zum Skelett abgemagert ist der Mann. Andere kommen dazu, Dutzende von kahlköpfigen Skeletten, die über die Straße torkeln, dann Hunderte.

Die Mutter mit den Söhnen, sie stehen fassungslos vor der Bäckerei. Eine der ausgemergelten Gestalten wirft sich vor ihnen zu Boden, bettelt um Brot. Ein Soldat kommt dazu und schlägt dem Mann im Staub mit dem Gewehr brutal auf den Rücken. Leidensgenossen nehmen den Halbtoten auf und schleifen ihn mit.

Zwischen Mitte April und Mai 1945 hat die SS das KZ Mauthausen geräumt, Marschunfähige und Kranke wurden noch im Lager vergast. Am 28. April wurden 20 000 Häftlinge in Marsch gesetzt, überwiegend ungarische Juden. Ziel: das 50 Kilometer entfernte Gunskirchen, nahe Wels. In Gunskirchen ist auf einem Gedenkstein vermerkt, dass 6000 Männer, Frauen, Kinder unterwegs umkamen.

Noch lange leidet Eberhard, ebenso wie seine Brüder, an Albträumen. Schreit in der Nacht. Auch tagsüber bricht er ohne erkennbaren Grund in Tränen aus. „Bei jeder Kleinigkeit kam Angst auf, und ich fing an zu heulen. Meine Nerven haben nicht mehr mitgespielt, ich bin auch später dagegen behandelt worden.“ Er wird als „Muttersöhnchen“ gehänselt, „weil ich ständig am Rockzipfel der Mama hing.“

Hätte es geholfen, über die Bilder, die ihn verfolgten, zu reden, sie aus dem Unterbewussten ins Bewusstsein zu holen? Seine Brüder konnten es nicht, er kann es nicht. In seinem letzten Lebensjahr bringt er seine Erinnerungen zu Papier.

April 1953. Die Familie begleitet den Vierzehnjährigen zum Bahnhof im nordhessischen Höringhausen. Seit Herbst 1945 leben sie dort. Er fährt nach Buhlen, um bei einem Schlosser in die Lehre zu gehen. Kost und Logis frei, ein Glücksfall für die Eltern, ein Esser weniger. An jedem Wochenende wird er die 20 Kilometer nach Hause mit dem Fahrrad fahren. Nach drei Jahren besteht er die Gesellenprüfung und zieht mit seinem Bruder Hubert, der Schmied gelernt hat, nach Düsseldorf. Sie bauen die Stadt mit auf. Noch sind überall die Bombenschäden sichtbar.

Ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind, mit einem unbändigen Aufstiegswillen. Auf der Handelsschule holt er die Mittlere Reife nach, Sportsfreunde helfen ihm, bei der Arbeitsverwaltung in die gehobene Laufbahn einzusteigen. Er wird Verwaltungsinspektor und zieht 1961 nach West-Berlin.

Der 17. August 1962. Ein heißer Tag am Schreibtisch im Landesarbeitsamt, ganz in der Nähe des Checkpoint Charlie. Es ist kurz nach zwei, die Mittagspause ist vorbei. Plötzlich Gewehrschüsse. Mit einem Kollegen rennt Eberhard zur Grenze, die vor einem Jahr dichtgemacht wurde. Aus dem Fenster eines Hauses auf der anderen Seite dirigiert ihn eine alte Frau mit Handzeichen zu der Stelle, wo ein verletzter Mann liegt. Mit dem Ohr an der Mauer hört Eberhard das Stöhnen. „Der Mann jammerte und schrie, ,Helft mir, helft mir!’ Ich versuchte, ihn zu beruhigen und rief, gleich kommen die Amerikaner zu Hilfe.“ Dem Fotografen aus dem nahen Springer-Hochhaus hilft er, eine Leiter anzulegen, die Fotos werden um die Welt gehen.

Ein paar Verbandspäckchen werden hinübergeworfen. Die Leute rufen „Mörder, Mörder!“ Nur mühsam kann die Polizei die aufgebrachte Menge daran hindern, die Mauer zu stürmen. Es dauert eine ganze Stunde, bis DDR-Grenzer sich anschicken, den Schwerverletzten ins Krankenhaus zu bringen. Gegen 17 Uhr stirbt er.

Das war Peter Fechter, 18 Jahre alt. Das Drama wird – wie auch die Kriegserlebnisse – Eberhard sein Leben lang begleiten. Mit zunehmendem Alter wird er dünnhäutiger, empfindsamer, auch zorniger. Bilder aus Korea, Vietnam, Kongo, Sudan, Palästina, Bosnien, Tschetschenien, Irak, Syrien, sie lassen ihn nicht kalt. Ihn schützt keine psychische Hornhaut. Das Heulen der Kriegsbomben, die Schüsse an der Mauer, das alles hallt nach.

Vor allem der Sport hilft ihm. Direkt neben der Flüchtlingsbaracke, wo seine Familie anfangs untergekommen war, gab es einen Sportplatz. Eberhard trainierte jeden Tag. Er wurde ein passabler Leichtathlet. Noch als Großvater läuft er Marathon, ebenso Gudrun, seine Frau.

Tochter Daniela hat auch ein großes Sporttalent, ein größeres noch als er. Als Siebenkämpferin gewinnt sie diverse Meistertitel. Eberhard ist ihr Trainer. „Wenn wir auftauchten, war für die anderen nichts mehr zu gewinnen.“ Daniela steht auf der europäischen Bestenliste zeitweise an dritter Stelle, Verletzungen machen Olympia-Hoffnungen zunichte.

Der Sportplatz, die Sprunggrube, der Waldweg, das ist Eberhards Welt, hier findet er Erfüllung und Schutz vor den Dämonen. Die kann er besiegen, nicht aber die Krankheit der letzten Lebensjahre. Auf dem Friedhof in Stahnsdorf ist er begraben.

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