Berlin : Eberhardt Brucks (Geb. 1917)

Seine dritte große Liebe: die Kunst. Auch sie: nicht immer glücklich.

Gregor Eisenhauer

Seine erste große Liebe, eine unmögliche Liebe: Zdenek Beneš, ein tschechischer Nachhilfelehrer, Kosename „Zdena“, den er während eines dreimonatigen Lehrgangs in Pardubice kennenlernte. „Ich war ein Deutscher, noch dazu ein Soldat. Zdena hat sich nichts daraus gemacht. Wir haben uns ja im Dampfbad kennengelernt, da trug ja keiner irgendwelche Kleider. Er wusste ja, als ich nackt war, nicht, dass ich Deutscher war. Danach war es egal, und beide sind wir das Risiko eingegangen.“

Ein hohes Risiko, denn beide wussten, dass es Wahnsinn war, den Briefwechsel auch nach Eberhardts Rückkehr nach Berlin fortzuführen. „Sollten meine Eltern einmal einen Brief öffnen“, schrieb Zdena, „dann kann ich Selbstmord machen.“

Brucks wiederum hatte zwar eine Alibi-Verlobte und ließ sich zu aller Kenntnisnahme Präservative in die Kaserne schicken, um nicht in den Verdacht der Homosexualität zu geraten – aber seine Briefe sprachen eine ganz andere Sprache.

Am 28. März 1945 öffnete Brucks den letzten Liebesbrief von „Zdena“, darin die Mahnung: „Sei recht gesund und munter und sei auch vorsichtig und schlau, daß Dir noch jetzt 5 Minuten nach 12 nichts passiert.“ Danach riss der Kontakt ab, aber Eberhardt beherzigte die Mahnung seines Freundes: Während seiner kurzen Internierungszeit trat er einem Künstlerkollektiv bei und wurde so vor der Deportation nach Russland bewahrt. Künstler wurden gebraucht im neuen Deutschland, gut verpflegt – und das Leben als Bohemien bot einen gewissen Schutz vor den Drangsalierungen der Justiz.

„Dampfbad-Sensationen“, wie er es nannte, Nacktbaden, Dünenabenteuer, Gelegenheitskontakte in Bars und privaten Clubs – ein Leben nicht mehr in Todesangst wie noch unter den Nazis, aber doch ein von Strafverfolgung bedrohtes Leben, denn die Bundesrepublik hatte den Paragrafen 175 in der von den Nationalsozialisten verschärften Fassung in ihr Strafgesetz übernommen, somit blieben alle sexuellen Handlungen zwischen Männern strafbar.

Eberhardt Brucks benutzte nie das Wort „schwul“, wenn es um ihn selbst ging. Er wollte sich nicht auf seine Sexualität reduzieren lassen, denn er suchte Liebe, immer aufs Neue – und fand seine zweite große Romanze: Hans-Joachim Pählke, Kosename Hansi, dessen Leichnam er im Februar 1963 dutzendfach fotografierte. „Hansi“ vergiftete sich mit Gas. Pählkes Mutter akzeptierte den Sohn nicht so, wie er war. Acht Monate später brachte sie sich ebenfalls mit Gas um.

Eberhardt hatte Hansi über eine Kontaktanzeige kennengelernt und verlebte mit ihm die zehn glücklichsten Jahre seines Lebens, auch wenn sie nie zusammenziehen konnten.

„Die Liebe geht nie, sie bleibt immer.“ Aber es verstärkte sich nach dem Freitod des Geliebten jener „Moll-Ton, der mich mein Leben lang begleitet hat“.

Trost gab seine dritte große Liebe: die Kunst. Auch diese Liebe war nicht immer glücklich. Eberhardt Brucks hatte an einer Textil- und Modeschule gelernt. Er war ein blicksicherer Zeichner und kongenialer Buchillustrator, dem Dämonischen stand er nah, Aug in Auge zuweilen mit dem Wahnsinn; er schuf beklemmende Traumvisionen im Stile E. T. A. Hoffmanns, Skurriles, Gruseliges, das ging ihm gut von der Hand, ebenso Witziges. Er schuf großartige Porträtfotos, aber auch pornografischen Tagesbedarf, um sich über Wasser zu halten.

75 Jahre wohnte er in der elterlichen Zweizimmerwohnung in der Lankwitzer Cecilienstraße, viele Jahre mit der zuletzt bettlägrigen Mutter, die er bis zu ihrem Tod 1978 pflegte. Die Wohnung war auch Atelier, Fotolabor und Archiv. Bücher, Zeitschriften, Zeichnungen, Fotografien und Briefe stapelten sich bis unter die Decke – wenn ein Gast kam, musste erst der zweite Stuhl leer geräumt werden. Die letzten dreißig Jahre seines Lebens allerdings empfing Eberhardt Brucks ohnehin wenig Besuch, die Vögel auf der Balustrade ausgenommen, deren Treue er sich durch ganzjährige Fütterung sicherte. Und immer noch ging er gern flanieren, bevorzugt in Discountern, wo sich stets reiche Beute fand. „Hast du diese Schuhe gesehen!“ – „Die stehen Ihnen aber gar nicht! Aber schön, dass sie Ihnen gefallen!“ Er selbst besaß 300 Paar und wusste, wovon er redete. „Darsteller Kleines Fach“ heißt es im Theaterjargon, und diese Rolle hat Eberhardt Brucks „wunderbarrrrr“ gespielt, mit stark gerolltem „r“, sein Lieblingswort.

Selbst als er schon im Rollstuhl saß, versuchte er aufzustehen, seiner Besucherin in die Jacke zu helfen und sie mit Handkuss zu verabschieden: „So bin am ganzen Leibe ich, so bin ich und so bleibe ich. Yes, Sir!“

Eberhardt Brucks hat sich sein Leben nicht stehlen lassen. Zu keiner Zeit. Auch als sein Kurzzeitgedächtnis verloren ging, blieben ihm die Erinnerungen in Gestalt des von ihm Gesammelten; er wusste, sein Nachleben war „durch Überfülle“ gesichert. Und nichts von dem Archivierten ging verloren. Zu Ehren seines 90. Geburtstags stellte das Schwule Museum in Kreuzberg Fragmente seines Lebenswerks aus: Fotografien, Porträts, Aktzeichnungen, Aquarelle, Briefe. Noch einmal strahlte sie auf: die Wunderkerze im Leben der Anderen. Gregor Eisenhauer

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