Berlin : Echter Sportsgeist

Model, Botschafter, Ministerin, Schamane: Wie Ecuador sein Programm zur WM präsentierte

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Die optische Aufwertung von Pressekonferenzen war überfällig. Auf beispielhafte Weise ist sie gestern der Republik Ecuador gelungen, die ihr WM-Programm vorstellte. Auf dem Podium: Miss Ecuador, der Botschafter, die Tourismusministerin und ein Schamane vom Stamm der Shuar. Der sitzt, nachdem er unter erheblichem Geklapper den Saal betreten hat, nun ebenso stumm auf dem Podium wie die Schönheitskönigin, während Botschafter Horacio Sevilla Borja spricht.

Der Diplomat sagt Dinge, die Deutsche nüchtern nicht sagen würden. „Wir sind sehr zufrieden mit der Heldentat unserer Mannschaft“, zum Beispiel. Sein Land wird in der Vorrunde gegen die deutsche Elf spielen. „Wir werden mit Deutschland nicht nur im Stadion zusammen sein, sondern auch auf den Straßen und in Konzertsälen“, kündigt er an und zählt auf: Vom 19. Juni bis 20. August werden uralte Schmuckstücke aus Gold, Platin und Keramik im Schloss Charlottenburg gezeigt. Im August sind im Alten Rathaus Potsdam mehr als 100 Werke des Expressionisten Oswaldo Guayasamín zu sehen. Am 19. Juni spielt das Andenorchester im Roten Rathaus, am 16. der Pianist Boris Cepeda im Konzerthaus. Ein Folkloreballett wird am 19. und 20. Juni auf der Fanmeile auftreten, eine Rockband in der Arena Treptow, im Kino Central laufen ecuadorianische Filme, Werbeteams verteilen Flyer, die Website www.visitecuador.de wirbt für das Land als Reiseziel.

Dann bittet die Tourismusministerin den Schamanen um einen Gruß. Der Medizinmann, der mit durchgedrücktem Kreuz und in die Ferne gerichtetem Schamanenblick gesessen hatte, erhebt sich, springt von einem Fuß auf den anderen, schwingt energisch den Schamanenstab, an dem etwas Felliges baumelt. Im Takt des Grußes rasseln die Amulette. Der Simultanübersetzer schweigt. Der Gruß klingt geeignet, eine Fußballmannschaft zu motivieren, und gipfelt in einem heiseren „Hui!“. Der Schamane setzt sich, die Ministerin sagt „Gracias!“, die Journalisten klatschen. Die Agentur dpa wird später melden, der Schamane habe eine Friedensbotschaft an Deutschland gerichtet.

„Ich bin nicht nur für unsere Mannschaft hier, sondern für alle“, sagt der Schamane dann. Während Politiker für Theorie und Wirtschaft stünden, repräsentiere er das Ursprüngliche. Es gäbe noch viel zu fragen, aber der Schamane muss zum Fototermin am Kanzleramt. Anschließend wird er das Olympiastadion spirituell reinigen, dann geht er auf Deutschlandtour. Sein Gefährt parkt vor der Tür: ein VW-Bus mit Hamburger Nummer und der Aufschrift „Schamane on Tour“. Magie kann so profan sein. obs

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