Berlin : Echter Streit um falschen Checkpoint Charlie

Am ehemaligen Kontrollpunkt in der Friedrichstraße geht es um die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte

Werner van Bebber

Echt im Sinne von authentisch ist fast nichts am Checkpoint Charlie. Trotzdem können nicht wenige von der Erinnerung an Mauerzeiten leben, für die der Name des Kontrollpunktes steht. Souvenirverkäufer bieten rote Fahnen mit Hammer und Sichel, Handschellen, Gasmasken – so einiges, was an die Härten des Kalten Krieges erinnern soll. Man kann sich aber auch ins „größte Gästebuch der Welt“eintragen. Das wirbt mit seiner Größe und seiner Adresse am Checkpoint Charlie.

Am historischen Ort machen Touristen vieles mit. Vor allem lassen sie sich fotografieren. Tom Luszeit hat daraus sein Geschäft gemacht. Der junge Mann, von Beruf Tänzer, posiert mit zwei anderen in Uniform. Als Vopo hantierte er mit dem Stempel, wenn er sich für ein Polaroid neben einen Touristen stellt, hätte er dafür gern eine Spende von fünf Euro. Am gestrigen Sonntag gab er den amerikanischen Offizier, der mit Kollegen in britischer und französischer Uniform im Jeep herumsaß. Seit Oktober 2003 verbringt er so viel Zeit am Checkpoint.

Doch nun fühlen sich die Leute vom Mauermuseum durch die DDR-Uniformen provoziert. Alexandra Hildebrandt, die Witwe des Museumsgründers Rainer Hildebrandt, hat deshalb das Grenzkontrollhaus auf der Mittelinsel mit einer blauen Plane verhüllt. Das Haus war am 13. August 2000 auf Initiative von Rainer Hildebrandt aufgestellt worden. Und es ist ebenfalls nicht authentisch, sondern ein Nachbau des Originals. Alexandra Hildebrandt nennt es ein „Denkmal für die Alliierten – keine Kulisse“. Sie will es erst dann wieder enthüllen, wenn gesichert ist, dass kein Schauspieler in DDR-Uniform dort Touristen unterhält, auch kein Bratwurstverkäufer dort stehen darf.

Sie und Luszeit erzählen hässliche Sachen übereinander. Alexandra Hildebrandt sieht das Andenken ihres Mannes verunglimpft. Luszeit fühlt sich von ihr in seiner Freiheit – in gewissem Sinn auch: Gewerbefreiheit – beschränkt. Der Streit passt zu einem Ort, dessen Authentizität längst vom Touristenstrom weggespült worden ist.

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