Berlin : Echtes Untergrund-Kino

In leer stehenden Fabrikgebäuden versammelt sich die Partyszene zu illegalen Filmaufführungen. Eingeladen wird per E-Mail

Arvid Kaiser

Am U-Bahn-Ausgang wird es voll. Zuerst standen nur ein paar Endzwanziger ans Geländer gelehnt, die Bier tranken und der kalten Abendluft trotzten. Nun aber werden es immer mehr, erst einhundert, dann zweihundert, eine richtige Party auf der ansonsten leeren Straße.

Natürlich ist das nicht der Ort, an dem sie ihren Abend verbringen wollen. Eigentlich wollen sie alle ins Kino, sie wissen nur noch nicht, wo. Denn ihr Ziel ist ein illegales Kino, das von Amateuren selbst organisiert wird. Illegal deshalb, weil sie weder für den Raum noch für den Film bezahlen und schon gar keine Betriebslizenz besitzen. Sie nutzen leer stehende Hallen, in denen die Gefahr gering ist, Nachbarn zu stören. Der U-Bahn-Ausgang dient nur als Treffpunkt. Einige haben davon aus E-Mails erfahren, andere wurden von Freunden mitgebracht.

Irgendwann kommt einer, der sich als Organisator zu erkennen gibt. Ein paar Worte zum Film, dann heißt es leise sein. Er führt die Gruppe in schnellem Schritt die Straße entlang. Unterwegs bekommt jeder für fünf Euro einen Stempel auf den Handrücken, dann müssen sich alle an einem Zaun vorbeizwängen, über Steine klettern und durchs Niemandsland des ehemaligen Mauerstreifens laufen – so leise, wie ein paar hundert Menschen in Partylaune nur sein können.

Am Ziel, im Keller einer stillgelegten Fabrik, erwartet sie ein provisorischer Vorführraum. Zwei Projektoren strahlen die nackten Wände an. Ein Heizlüfter pustet gegen die feuchte Kälte an. Zum Trinken stehen Bier und Cola, zum Sitzen einige Reihen Plastikstühle bereit. Mehr braucht es nicht für ein gemütliches Kinoerlebnis, dazu noch mit dem Schauder, etwas Verbotenes zu tun.

„Dark City“ ist der passende Streifen für so einen Abend. Ein Hollywood-Film zwar, mit Kiefer Sutherland, der 1998 in den Kinos lief. Aber „Dark City“ ist ein gruseliger Science-Fiction-Thriller, der in einer Stadt spielt, in der die Sonne nie zu sehen ist. Die Kulisse im Film sieht so ähnlich aus wie der Kinosaal, und so verstärkt sich der Gruseleffekt. Ansonsten sind im illegalen Kino eher B-Movies zu sehen.

Illegales Kino ist ein internationaler Trend. In den USA ist es unter dem Namen „Guerilla Drive-In“ in fast jeder größeren Stadt zu finden. Und in den Pariser Katakomben entdeckte die Polizei kürzlich ein richtig eingerichtetes unterirdisches Kino, sogar mit Restaurant.

In Berlin schließt sich die Szene den illegalen Clubs an, die sich seit einigen Jahren fast schon etabliert haben: Auch hier kann man sich in E-Mail-Verteiler eintragen, von denen einige auch auf die Kinoabende hinweisen – wenn man erst einmal hineingekommen ist, wofür in manchen Fällen ein Passwort nötig ist. Nicht, dass die hippen Einwohner Prenzlauer Bergs unbedingt unter sich bleiben wollten. Aber illegal ist eben illegal, und manchmal kommt es ja doch vor, dass die Polizei der heimlichen Party ein Ende bereitet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar