Berlin : Eckart Wagner (Geb. 1948)

Auf die kleinen Dinge kam es ihm an. Nur so konnte Großes entstehen.

Stephan Reisner

Fünf tansanische Jungen, die wie die Orgelpfeifen auf einer Yamaha XT 500 sitzen und vergnügt in die Kamera lächeln. Was mag aus ihnen geworden sein? Immer, wenn Eckart Wagner ein paar Tage im Busch das Land vermaß, bewachten die Nachbarsjungen sein Haus. Er hat sie sehr gemocht – wie er überhaupt mit Kindern gut umzugehen wusste, obwohl er selbst keine hatte. 1993 in Sansibar entstand das Foto, im Garten von Eckart Wagners letztem Haus in Afrika.

Zusammengerechnet 14 Jahre verbrachte der Vermessungsingenieur in Afrika, die längste Zeit arbeitete er für den Deutschen Entwicklungsdienst. Er baute Vermessungsschulen mit auf, unterrichtete Einheimische in Geodäsie und vermaß für kleine Bauern und große Firmen das Land. Doch egal ob in Kamerun, Tansania, Togo oder in Guinea, die Umstände, die ihm die Arbeit am meisten erschwerten, waren nicht Armut, Krankheit und Klima, sondern selbstgerechte Behörden, Ineffizienz und Fehlplanung. „Hilfe zur Selbsthilfe“ – die Formel war für ihn bereits in den achtziger Jahren maßgebend, als andere noch meinten, allein mit generösen Entwicklungshilfeschecks die fernen Probleme in den Griff zu bekommen.

Hilfe zur Selbsthilfe – das bedeutete für ihn vor allem regionale Kultur- und Mentalitätskunde. Eckart Wagner hatte seine Freude daran, wenn jemand aus Deutschland in Lomé zu Gast war: „Immer nur ein Drittel!“, bläute er seinem Besuch vor dem ersten Gang in die Stadt ein. „Wenn dir jemand etwas verkaufen will, geh beim Handeln runter auf ein Drittel, sonst machst du die Preise kaputt!“ Und wenn er sah, dass jemand ein Almosen geben wollte, gab er zu bedenken: „In einer Stunde bist du hier berühmt!“

Er selbst half, indem er jemandem einen Job vermittelte oder kostenlos ausbildete. Aber wehe, seine Offenheit wurde schamlos ausgenutzt: Als einmal die Schwester eines erfolgreichen Fotografen, dem er kostenlos ein Zimmer im Anbau überließ, bei ihm um Geld bettelte, las er ihm die Leviten. Dreiste Bequemlichkeit ging ihm gegen den Strich. So mussten seine Gäste aus Deutschland auch selbstverständlich allerhand Ersatzteile und andere schwer erhältliche Gegenstände mitbringen, wenn sie zu Besuch kamen, damit ein ins Stocken geratenes Hilfsprojekt endlich weitergeführt werden konnte. Als ein Freund einmal das Stanniolpapier seiner Schokolade wegschmeißen wollte, bat er: „Nicht zerknüllen! Mit ein bisschen Styropor und Benzin kannst du damit jedes Loch im Autoboden flicken!“ Auf die kleinen Dinge kam es ihm an. Nur so konnte Großes entstehen.

Eckart Wagners Improvisationskunst und Fachkompetenz sprachen sich herum in Westafrika. In Togo baute er eine Vermessungsschule auf und war stolz auf seine wissbegierigen Schüler. Doch dann musste er feststellen, dass sie keine Diplome bekamen, wegen der Bürokratie und weil die Regierung kein großes Interesse an gut ausgebildeten und unabhängigen Landvermessern hatte. Entnervt gab er auf. In Guinea geriet er vom Regen in die Traufe. Dort sollte er für eine Firma eine mit viel Geld geförderte Trasse durch eine Stadt planen und zu diesem Zweck rote Kreuze an jene Hütten und Häuser malen, die im Weg standen. So packte er einmal mehr seine Habseligkeiten in die 80 Zentimeter hohe Kunststofftonne, seine treueste Begleiterin, und kehrte zum Erweiterungsstudium nach Deutschland zurück. Doch nach zwei Semestern stellte er fest, in dem neuen Studiengang mehr beisteuern als lernen zu können.

Mit dem Komplettausstieg wurde es dann auch nichts: Das Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg teilte ihm mit, dass es keine Leuchtturmwärterstellen mehr gebe – das werde inzwischen alles elektronisch geregelt. So packte er erneut seine Tonne: Ein zweijähriges Vermessungsprojekt in Tansania sollte es sein – und es raubte ihm den letzten Rest seines Idealismus.

So groß war seine Liebe zu Afrika, dass er dem Kontinent 1995 nach einem allerletzten Besuch für immer den Rücken kehrte. Er zog nach Berlin und wurde Berufsschullehrer für Vermessungskunde. Früher war er auf der Yamaha tausende Kilometer durch Westafrika gefahren, jetzt wollte er nicht mal mehr zu einer kurzen Urlaubsreise dorthin aufbrechen. Seine Schüler, mit denen er anfangs haderte, weil sie zu wenig „Bock“ zeigten, nannten ihn nicht nur wegen seines juvenilen Aussehens und des leicht fisseligen Bartes „Jesus“.

„Ich habe nicht oft in meinem Leben für mich gekämpft“, hat er mal gesagt. Er starb ganz plötzlich, es war das Herz. Stephan Reisner

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