Berlin : Eckart Werthebach: Der Feind der Krawallmacher

Brigitte Grunert

Einer macht Wirbel, von dem man bisher die leise Gangart gewohnt war. Kein Berliner Landespolitiker hat in letzter Zeit bundesweit für ähnlich viel Aufsehen gesorgt wie Innensenator Eckart Werthebach, sieht man einmal vom CDU-Drama um Klaus Landowsky ab. Seit Wochen zieht Werthebach gleich zwei Mal streitbar die Aufmerksamkeit auf sich: Einmal im Hin und Her um die Love Parade, die so gar nicht nach seinem Geschmack ist. Und dann, weil er außer der NPD auch linksextremistischen Gruppen ein Demonstrationsverbot am 1. Mai erteilt hat. Das ist neu in Berlin.

Dabei galt er in den zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit eher als unpolitisch. Das war ein Irrtum, zu dem seine Herkunft als Bonner Karrierebeamter verführt hat. Seine Erscheinung passt zu diesem Bild: kerzengerade die Haltung, korrekt gescheitelt das weiße Haar, glatt das Lächeln. Man hat kaum gemerkt, wie er politische Akzente setzte, streng konservativ.

Jeder Innensenator hatte seit den achtziger Jahren seine liebe Not mit dem 1. Mai. Nun soll Schluss sein mit dem "Krawalltourismus", so Werthebach. Mal sehen, ob das risikoreiche Verbot durchsetzbar ist. Zwei Jahre brauchte er, die Polizeiführung zu überzeugen. Die war aus taktischen Gründen dagegen. Überdies hatten der 1. Mai 1999 und 2000 mit dem Wochenende zu tun; man wollte nicht drei Tage Randale riskieren. "Aber Sie sehen", sagt er liebenswürdig, "was ich mir vornehme, das halte ich durch." Der Mann mit der wohltemperierten Ausstrahlung poltert nicht und eifert nicht. Er lächelt, ohne locker zu lassen.

Auch Abgeordnete bekommen leisen Druck zu spüren. Die SPD-Sicherheitsexpertin Heidemarie Fischer überrascht mit einem knallharten Urteil, obwohl sie in ihrer keine Parteilinke ist: "Es ist schwer, mit ihm umzugehen." Sie kreidet ihm "autoritären, bürokratischen Stil" an: "Sein Vorgänger Jörg Schönbohm war unkomplizierter." Frau Fischer hat sich über einen Brief geärgert, in dem Werthebach klar gemacht hat, dass das Parlament laut Verfassungslage den Innensenator, aber nicht seine nachgeordneten Behörden zu kontrollieren habe. Folgte die generöse Geste kel, er sei gerne beim Einholen von Informationen behilflich. "Werthebach will uns kurz halten. Wir sollen ihn um Erlaubnis fragen, bevor wir mit jemandem reden. Das ist nicht mein Parlamentsverständnis", so Frau Fischer.

Politisch ist Werthebach ein Quereinsteiger. In Bonn hat der promovierte Jurist aus Essen Beamtenkarriere gemacht - vom Büroleiter des Innenstaatssekretärs bis zum Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Staatssekretär bei Innenminister Manfred Kanther. Erst 1997 trat er in die CDU ein. Er wollte sich "bekennen", als sich das Ende der Ära Kohl abzeichnete. Eberhard Diepgen bewahrte ihn vor dem frühen Ruhestand, indem er ihn nach Berlin holte, denn Schönbohm ging nach Brandenburg.

Werthebach fiel sofort als einer auf, der weiß, wovon er redet. Über jede Frage der inneren Sicherheit und des Dienstrechts könnte er im Schlaf Auskunft geben, er hat sich ja ein Leben lang damit befasst. Und er ist froh, dass er sein eigener Wissensexperte ist. Auf "die Beherrschung der Sache" kommt es ihm an. Inzwischen hat der 61-Jährige in Berlin Höhen und Tiefen erlebt. Der absolute Tiefpunkt kam frühzeitig mit dem Kurdensturm auf das Israelische Generalkonsulat im Februar 1999; es gab Tote. Der Vorwurf, man hätte das blutige Ereignis verhindern müssen, "hat mich getroffen". Grünen-Fraktionschef Wolfgang Wieland erinnert sich anders: "Man spürte keine Aktivitäten des Innensenators."

Für Diepgen ist Werthebach eine zuverlässige Stütze. Sonst hätte er ihn nicht mit dem Amt des Bürgermeisters belohnt. Diepgen schätzt seine souveräne Fachkompetenz, seine Erfahrung und seine Loyalität. Eine Episode spricht für großes Zutrauen. Als die Parteispendenaffäre um Freund Klaus Landowsky am 8. Februar zu Tage trat, hielt der Regierende sofort Kriegsrat im engsten Vertrautenkreis; er bat Werthebach hinzu.

Dieser Innensenator hat schon etwas erreicht. Wo gibt es noch Seilschaften und Querelen in der Polizei? Den Verfassungsschutz hat er umgekrempelt, sogar mit dem Segen der Opposition. Oppositionspolitiker Wieland relativiert das glatte Bild natürlich: "Der sucht sich inventurartig bestimmte Dinge heraus, aber im Alltag schwebt er, typisch konservativ, über der Verwaltung." Den ersten Pluspunkt würde ihm Wieland sowieso erst geben, wenn er die Love Parade aus dem Tiergarten verbannte.

Spektakuläre Schlagzeilen machte Werthebach mit seinem Hang zur Einschränkung des Demonstrationsrechts, mit seinem Kampf um befriedete Zonen. Er setzt hartnäckig darauf, dass er das doch noch erreicht. Gegner seiner Demoverbote für Linksradikale meinen, wenn es am 1. Mai rund geht, habe er wieder einen Vorwand für seine Ziele. Auch über seinen Feldzug für das Reinheitsgebot der deutschen Sprache schütteln viele den Kopf. Er aber hofft auf ein Bundesgesetz. "Dabei wimmeln selbst die Papiere des Innensenators zur Verwaltungsreform von Anglizismen", höhnt die Opposition. Kann der diszipliniert freundliche Eckart Werthebach wirklich gemütlich werden? Und ob - wenn er warmherzig von seinem acht Monate alten Enkel erzählt. Dann kann er sich direkt verplaudern.

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