Berlin : Eckehart Ruthenberg (Geb. 1943)

Was für die Ewigkeit gedacht war, schwindet, und er lässt das nicht zu

von

Ein Mann mit Vollbart im freundlichen Gesicht, darüber volles grau- es Haar, steht auf dem Gehweg der Schliemannstraße, Prenzlauer Berg. Seine Füße stecken in Pantoffeln. Eine Mutter mit Tochter kommt vorbei und gelangt mit ihm ins Gespräch. In dem Laden, vor dem er steht, schnitzt und verkauft er Holzfiguren. Die Frau würde gerne eine Krippe kaufen, doch ihr fehlt im Augenblick das Geld. „Da muss ich noch ein bisschen sparen.“ Er antwortet: „Dann wäre es gut, wenn Sie im Sommer fertiggespart hätten, weil ich das Geld dann brauche.“

Vor allem Engel und Weihnachtskrippen verkauft er – aber nur zur Engel- und Weihnachtskrippenzeit. Im Sommer gehen die Geschäfte nicht so gut, da aber gibt er viel Geld für Benzin und Seidenpapier aus.

Die Tochter sieht die Pantoffeln an seinen Füßen und traut sich, den Mann mit dem großen grauen Bart zu fragen: „Warum hast du denn Hausschuhe an?“

„Weil ich hier wohne. Das Stück von der Straße gehört zu meiner Wohnung!“

Das Mädchen schaut zum Boden und erschrickt: „Dann müssen wir ja unsere Straßenschuhe ausziehen!“

Eckehart Ruthenberg wohnt tatsächlich hier, wenn auch mehr in seiner Werkstatt als auf der Straße. Die Engelschnitzerei betreibt er, um Geld zu verdienen. Geld fürs Leben und Geld für die Suche.

Fürs Leben braucht er nicht viel, Kaffee, Zigaretten, Schokolade sind wichtig, die Wohnwerkstatt ist klein. Groß ist sein Interesse an Friedhöfen, verschwundenen jüdischen Friedhöfen. Nach denen sucht er, wann immer er die Zeit hat und die Kraft. Fährt mit seinem alten Wartburg Kombi übers Land, fragt Leute, steigt durchs Unterholz, gräbt in der Erde, zeichnet Skizzen, fertigt Abdrücke der Grabsteine. Kaum einer davon steht noch aufrecht. Ruthenberg legt einen Bogen Seidenpapier auf den Stein, streut dunklen Sand darauf, verreibt ihn, es entsteht ein Abdruck des Reliefs. Auf einem Foto wäre es kaum erkennbar, denn Inschriften und Bilder sind abgewetzt, verwittert. Was für die Ewigkeit gedacht war, schwindet, und Ruthenberg lässt das nicht zu. Er rollt die Abriebbilder zusammen, Beweise, dass er etwas gegen das Verschwinden unternommen hat. Wenn jemand den Vergleich mit Thorarollen zieht , ist es ihm nur recht.

Dabei ist er gar kein Jude, mit dem Judentum hat er nichts zu tun.

Schuld an seinem Interesse war die DDR. Eckehart Ruthenberg wollte sie verlassen, sie ließ ihn nicht ziehen und verbot ihm stattdessen, seinem Beruf weiter nachzugehen. Er hatte damals schon von der Holzschnitzerei gelebt. Nun bekam er keine Aufträge mehr, durfte nicht ausstellen und hatte sehr viel Zeit. Lange saß er mit dem Fernglas an der Ostsee und beobachtete die Küstenwacht. Und sah, dass es unmöglich war, mit dem Schlauchboot hier hinauszukommen.

Es waren die achtziger Jahre, Zeit der Agonie, die Diktatur so müde, dass ihr nichts weiter einfiel, als die Fluchtwilligen an der Flucht zu hindern, und sie auf Gnade hoffen zu lassen, um die Illusion der Staatsmacht aufrechtzuerhalten.

Für Menschen wie Eckehart Ruthenberg war das längst nicht so schlimm, wie es sich anhört. Seine Frau verdiente gut, er war imstande, sich zu beschäftigen – und er hatte die Gewissheit, dass alles noch viel besser würde, wenn er erst in die Freiheit käme. Er machte merkwürdige Sachen, vergrub Bettlaken oder befestigte sie auf Dächern, spannte sie nach Monaten auf Rahmen und sagte: Seht, das sind die Bilder, die die Umwelt zeichnet. Selbst zeichnete er Bilder an seinem Arbeitstisch, auf dem er Dinge stapelte, und je mehr Dinge sich dort stapelten, desto kleiner wurde seine Arbeitsfläche, desto kleiner wurden folglich seine Bilder.

1984 entdeckte Eckehart Ruthenberg einen überwucherten jüdischen Friedhof in Eberswalde, nördlich von Berlin. Er fand Grabsteine mit interessanten Bildern, segnende Hände, abgeknickte Baumstämme, dazu die rätselhaften hebräischen Inschriften. Er machte erste Abdrücke davon auf verschiedenen Materialien. Und er lernte einen Menschen kennen, der sich auch für diesen Friedhof interessierte. Eine weitere wesentliche Eigenschaft teilte dieser Mensch, Kai Uwe Schulenburg, mit Eckehart Ruthenberg: Auch er war Ausreiseantragsteller, hatte also sehr viel Zeit. Und empfand eine ähnlich große Lust, sich mit Dingen zu befassen, die der DDR unangenehm waren.

Mit den jüdischen Friedhöfen verhielt es sich nämlich so: In der DDR gab es viel mehr davon als die paar bekannten großen. Nur wusste kaum noch jemand etwas von ihnen; sie waren überwachsen, überbaut, versunken. Selten waren es die Nazis gewesen, die die Grabsteine beseitigt hatten, vor allem waren es die Zeit, die Natur, das Desinteresse. Und es waren die Leute, die sich dachten: Wer wollte sich an die toten Juden noch erinnern, wenn es keine lebenden mehr gibt? Mit den verwitterten Steinen pflasterten sie Zufahrten, stärkten Fundamente. Wo das Gelände anders genutzt werden konnte, wurde es anders genutzt, hier entstand eine Hühnerfarm, dort ein Wohnhaus.

Eckehart Ruthenberg und Kai Uwe Schulenburg studierten alte Landkarten, im „Kommunalen Auskunftbuch der Provinz Preußen für 1914 / 15“ erfuhren sie, wo wie viele Juden gelebt hatten. Wo es genug waren, musste auch ein Friedhof sein. Sie fuhren durchs Land, suchten Spuren, fragten, gruben – und fanden 300 Begräbnisstätten.

Wenn sie sahen, dass ein Friedhof geschändet worden war, erstatteten sie Strafanzeige. Und wussten, es würde nichts geschehen. Selbstverständlich nicht, denn in jener Zeit suchte die DDR nach Anerkennung im Westen; da erschien es wenig förderlich, über die Schändung jüdischer Friedhöfe zu sprechen. Sie wandten sich ans Innenministerium, dort hieß es, sie sollten sich an den Staatssekretär für Kirchenfragen wenden, der Staatssekretär war der Ansicht, das sei Sache des Innenministeriums.

Die beiden wurden beschattet, es wurde auch mal ein Bürgermeister handgreiflich, als er sah, dass sie sich für die Fundamente seiner hübschen Parkbrücke interessierten. Im Frühjahr 1988 zeigte Eckehart Ruthenberg einem ARD-Korrespondenten ein paar zerstörte Friedhöfe. Als der Bericht im West-Fernsehen lief, vermutete die Stasi nicht ihn, sondern Kai Uwe Schulenburg dahinter. Der musste seine Sachen packen und dorthin ziehen, wo er schon lange hinwollte, in die Freiheit. Eckehart Ruthenberg blieb und forschte weiter, nun unter vermehrter Aufmerksamkeit der Stasi. Sie sah, wie hoffnungslos die Sache war, und warf nach einem halben Jahr auch ihn hinaus.

Ein paar Monate später fiel die Mauer, aber Eckehart Ruthenberg zog ins ferne Rheinland. Seine Frau hatte dort eine Anstellung gefunden. Mit Kai Uwe Schulenburg und einem Judaistik-Professor gab er ein Buch heraus, „Stein und Name“, das auf 700 Seiten die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland beschreibt, die die beiden aufgetan hatten.

Vor einigen Jahren zog Eckehart Ruthenberg zurück nach Ost-Berlin, in die kleine Werkstatt in der Schliemannstraße, Prenzlauer Berg. Überm Schaufenster stand: „Dinge, die die Welt nicht braucht“, dahinter schnitzte er Dinge, von denen es auf der Welt gar nicht genug geben kann, weil sie so schön sind, „Adam & Eva“, „Krippen & Madonnen“, „Engel & Vögel“, so stand es neben seiner Ladentür. Und er nahm die Friedhofssuche wieder auf, diesmal östlich der Oder in jenen Gebieten, die vor dem Krieg zu Deutschland gehört hatten. Manchmal begleitete ihn sein Sohn, doch meistens war er allein unterwegs, in seinem Wartburg Kombi, aus dem er den Beifahrersitz ausgebaut hatte, um darin schlafen zu können, neben der Schaufel und den Werkzeugen, neben den zusammengerollten Abdruckbildern der Grabsteine, Erinnerungsreste, die auf keinen Fall verschwinden durften.

Im September ist Eckehart Ruthenberg gestorben, die Jalousie seines Ladens ist herabgelassen, Nachbarn haben Zettel drangeklebt, Kinderbilder, Erinnerungen. Auf einem steht: „Wer so schöne Engel geschnitzt hat, wird’s sicherlich gut dort oben haben.“ David Ensikat

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben