Berlin : Edith Geiß (Geb. 1933)

Zwei Seiten hat die Münze, zwei Seiten das Leben, gut getrennt

Felix Lampe

Es geht fast täglich durch unsere Hände. Selten jedoch werfen wir einen genaueren Blick darauf. Zwar kennen wir die verschiedenen Größen und Farben, doch uns interessiert eigentlich nur eins: Reicht es? Das Geld als Tauschmittel. Was aber ist auf einer Euromünze außer der Zahl abgebildet? Dem Numismatiker bedeutet das Geldstück weit mehr als nur die Möglichkeit, davon etwas zu kaufen.

Edith Geiß bläst eine Rauchwolke aus, legt ihre Zigarette in den vollen Aschenbecher und beugt sich mit ihrer großen Brille über den Schreibtisch im Münzkabinett auf der Museumsinsel. In einem Kasten vor ihr liegen der Größe nach geordnet die Gipsabdrücke von Münzen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Sie stammen aus Byzantion, dem späteren Konstantinopel. Edith Geiß nimmt ein Stück heraus, auf der einen Seite ist der schlangenwürgende Herakles zu sehen, dasselbe Bild wie auf Münzen anderer Städte, deren Rückseiten das Symbol der jeweiligen Stadt aufweisen. Es muss sich um die frühe Form einer Währungsunion gehandelt haben.

Die Münzen geben Aufschluss über Herrschaft, Religion und Kult, über Verkehrswege. Es sind Zeugnisse, aus denen Edith Geiß Geschichte deutet und Lebensverhältnisse rekonstruiert.

Dieser Arbeit widmet sie über 40 Jahre ihres Lebens. Theodor Mommsen hatte die Idee eines „Berliner Corpus“ ins Leben gerufen, in dem alle antiken Münzen erfasst werden sollen. Edith Geiß ist maßgeblich daran beteiligt, dass das Projekt nach dem Krieg wieder aufgenommen wird. Dafür reist sie oft nach Rumänien und Bulgarien, wo sie Sammlungen nordgriechischer Münzen sichtet und Abdrücke herstellt. Tage und Nächte verbringt sie so in einsamer Arbeit im Archiv, hantierend mit Gips und heißem Siegellack.

Gleich mit ihrer ersten Publikation macht sie sich in der Fachwelt einen Namen. Auf dem Buchtitel steht noch: Edith Schönert, ihr Mädchenname. Als sie heiratet, nimmt sie zwar den Namen ihres Mannes an, doch als wissenschaftliche Person zeichnet sie fortan unter Schönert-Geiß, um wiedererkannt zu werden. Vielleicht aber spiegelt sich in den zwei Namen noch mehr. Auf der einen Seite die Wissenschaftlerin Schönert-Geiß, die im Laufe ihrer Karriere immer mehr Anerkennung gewinnt, international bekannt wird und zum Ehrenmitglied in mehreren Numismatischen Gesellschaften ernannt wird. Auf der anderen Seite die Privatperson Edith Geiß, von der nur sehr wenig bekannt ist.

Ihre langjährige engste Mitarbeiterin erinnert sich fast nur an Fachgespräche in den Mittagspausen, Persönliches kommt kaum zur Sprache. Auch ihre Briefe an die Kollegen im Ausland sind rein sachlich. Edith Geiß hält die Sphären konsequent getrennt. Um 15 Uhr verlässt sie das Büro, so pünktlich, dass man die Uhr danach stellen kann. Dann fährt sie in ihre Wohnung nach Hellersdorf. Dort stehen kaum Bücher, die Freizeit gilt vor allem dem Sticken und Nähen. Kopfarbeit hier, Handarbeit dort. Auch diese Trennung ist konsequent.

Konsequenz und Ordnungsgeist, Genauigkeit und Durchhaltevermögen zeichnen die kleine resolute Frau aus, die immer hohe Schuhe trägt und deren energischer Schritt zum Münztresor durch die Akademie der Wissenschaften hallt.

Zum Abschluss legt sie noch eine große Bibliografie zur Münzkunde Thrakiens vor. An ihrem 65. Geburtstag wird sie für ihr Lebenswerk mit einer Festschrift gewürdigt. Alle namhaften internationalen Numismatiker sind darin vertreten.

Edith Geiß stirbt am 12. Juni. Auf ihrer Beerdigung sind nur Kollegen anwesend. Und ein Taxifahrer. Ob in Berlin oder mit ihrem Mann zur jährlichen Kur nach Thüringen – wenn Edith Geiß Taxi gefahren ist, dann mit diesem Fahrer. Wenn sie ihm Trinkgeld gegeben hat, wusste sie selbstverständlich, dass auf dem griechischen Ein-Euro-Stück wiederum eine Münze abgebildet ist: ein Drachmen-Stück aus dem fünftem Jahrhundert vor Christus. Ohne nachzusehen. Felix Lampe

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