Berlin : Edmund Herrmann (Geb. 1952)

Getan hat er keinem was. War ganz ruhig.

David Ensikat

Olli, der mit seinem Hund vorm Reichelt-Supermarkt in Frohnau hockt und von vielen älteren Frauen Geld und Hundefutter bekommt: Eddie war ja immer da, jeden Tag. Paarmal haben wir an seiner Haltestelle da drüben gesessen und uns über allet und nüscht unterhalten. Über sein Leben aber nich’. Der hat gesoffen wie’n Loch, da weeßick doch jenuch. Klar haben sie ihm ’ne Wohnung angeboten. Auf der Straße muss hier keiner leben. Ick hab ja ooch ’ne Wohnung. Zahlt’s Amt. Aber Eddie wollte nich’. Platzangst oder so. Der hatte sein Haltestellenhäuschen, wo er am Tag saß, und da war ja für ihn gut gesorgt. Hat immer gut eingenommen. Der brauchte noch nicht mal ’n Hund, damitse ihm was geben. Nee, der wollte hier nich’ weg.

Eine Passantin in mittleren Jahren an der Bushaltestelle: Ach, der ist tot? Gekannt hab’ ich ihn ja nicht. Man denkt, dass man so einen kennt, weil er immer da ist. Aber wissen tu’ ich gar nichts über ihn. Find ich aber toll, dass sie hier Blumen und Kerzen für ihn aufgestellt haben. War eben auch ein Mensch, nicht?

Herr Müller kommt dazu, 64 Jahre alt, Apotheker im Ruhestand: Wir wollen hier mal nichts verklären! Der hat ja das Wartehaus blockiert, jeden Tag, und die alten Leute mussten im Regen stehen. Das war ein richtiger Alkoholikertreff hier, und es hat gestunken. Ganz schlimm. Und abends, wenn er weg war, hat er ein übles Schlachtfeld hinterlassen. Getan hat er keinem was. War ganz ruhig. Ich hab ihn „Mütze“ genannt, weil er immer so eine Mütze auf hatte. Aber dass die vom Reichelt auch einen Beileidsbrief hergehängt haben, ist doch ein Ding. Der war ihr bester Kunde, ist doch klar. Hat sich immer seinen Kräuterlikör bei denen geholt, und damit hat er sich umgebracht. Na ja. Meine Frau hat immer gesagt: Dass sie so jemanden nicht in einem Heim unterbringen.

Ein Polizist auf Streife: Das ist hier unser Bereich, aber dass der Haltestellentyp gestorben ist … Sieh mal an. Wir haben ihn hier manchmal weggeholt, wenn er quasi bewusstlos war. Also das Transportkommando hat das gemacht. Die haben ihn in die Gesa gebracht. Gesa – kennen Sie nicht? Gefangenensammelstelle. Da hat der Arzt dann festgestellt, ob er verwahrfähig ist, dann hat er da geschlafen, und am nächsten Tag war er wieder hier. So ist das. Kann man nichts machen.

Eine Verkäuferin bei Reichelt: Der war komisch. Eine Kollegin hat ihm mal Anziehsachen geschenkt. Denken Sie, der hat irgendwas davon mal getragen? Nichts. In der letzten Zeit war er nicht mehr bei uns im Reichelt. Hatte Hausverbot, keine Ahnung, warum. Da haben ihm seine Freunde natürlich sein Zeug gekauft.

Eine Reichelt-Kundin, Ende 50: Na ja, der Eddie, der war ein echter Frohnauer. Ich hab seine Ex-Frau gekannt, die war eine Kollegin von mir. Sie hat sich von ihm scheiden lassen, wegen des Alkohols natürlich. Den hat er ja sozusagen aus dem Elternhaus mitgebracht. Eine Tochter hatten sie, die hat’s geschafft und wohnt längst im Schwarzwald.

Eine andere, etwas ältere Kundin mit sehr braun gefärbtem Haar: Geht’s um Eddi? Der war so ein liebenswerter Kerl. Ein ganz armer Mensch. Hatte einen Hirntumor, schon lange, und epileptische Anfälle. Geschlafen hat er lange Zeit bei der Blumenhändlerin im Keller, da, wo jetzt der Grieche Obst verkauft. Ich hab’ ihm oft was zu essen gegeben, ein Käsebrötchen oder so. Dann habe ich mich dazugestellt und gesagt: Ich geh’ erst, wenn du das aufgegessen hast. Na, dann hat er’s gegessen. Aber klar, der wollte was ganz anderes. Da drüben im Regel, da stehen die Dinger, genau die hat er immer getrunken. Hubertustropfen, die Viererpackung zu 99 Cent.

Jörg mit langen Haaren, schmutzigen Klamotten, nervösem Blick: Ick sag’ nur eins: Eddie kann froh sein, dass er’s hinter sich hat. Ist nicht schön hier in Frohnau. Man sieht’s ja nich’ so, die ganzen kaputten Leute, die saufen und zu Hause ihre Kinder verprügeln. Eddie hatte auch solche Eltern. In der Invaliden-Siedlung haben sie gewohnt. Wenn er krank war, haben sie ihm Wein als Medizin gegeben. Ick kannte den ja schon als Kind. War denn ooch ganz schön mit ihm, wenn wir draußen im Wald waren, Lagerfeuer und so, und dann in der Frohne baden. Eddie hat dann Bäcker gelernt und Konditor. Ging aber nich’ lange, weil er so eine Allergie hatte. Denn hat er noch was anderes jemacht, Schlosser oder so, aber gesoffen hat er ja schon immer, seit er Kind war eigentlich. Ick bin ja weg vom Alk, ein Glück. Und krank war er. Mit seinem Tumor sollte der längst sterben. Isser aber nich’. Jesoffen hatter. Na, jetzt hat er’s jeschafft. Schöne Scheiße.

Heinz-Jürgen Schmidt, Fraktionsvorsitzender der FDP in der Bezirksverordnetenversammlung Reinickendorf: Da gab es damals den Antrag der CDU, dass die BVG in dem Wartehäuschen die Sitze abschrauben soll, damit die Trinker dort verschwinden. Die entsprachen natürlich nicht dem Frohnauer ästhetischen Empfinden. Die Überschrift über dem Antrag hieß ursprünglich „Betrifft: Villa Reichelt“. Das haben sie dann geändert in „BVG-Wartehalle“. Es gab lange Debatten, und schließlich haben FDP, die Grauen, die Grünen und die SPD den Antrag abgelehnt. Der Mann hat ja niemandem etwas getan. Der gehörte sozusagen zum Frohnauer Inventar. Eine Gesellschaft muss so was durchstehen, solche Leute und solche Probleme gehören dazu. Und die Sache mit Eddie war ja endlich. Ich hab mit ihm gesprochen. Er wusste, wie es um ihn stand. „Ich müsste längst tot sein“, hat er gesagt. Er hat drauf gewartet, dass der liebe Gott gnädig mit ihm ist. David Ensikat

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