Berlin : Ehebruch und Leberknödel

Harald Martenstein las aus seinem Roman über die fünfziger Jahre

Daniela Martens
Martenstein
Tagesspiegel-Autor Harald Marteinstein -

Leberknödelsuppe und Hühnerfrikassee – ist das die geeignete Mahlzeit, um seiner Frau zu eröffnen, dass man als Betrüger erwischt worden sei, Job und Haus deswegen verliere? Für Onkel Fritz anscheinend schon, für Tante Rosalie weniger. „Meine Tante rührte in ihrer Suppe. Na prima, sagte sie“, liest Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein aus seinem Roman „Heimweg“ (Bertelsmann, 224 Seiten, 18 Euro).

Er sitzt an diesem Frühsommerabend auf der kleinen Bühne des Löwenpalais in Grunewald. Fritz, der Mann mit dem Holzbein, und Rosalie, die Frau mit dem losen künstlichen Gebiss, sind eines von drei seltsamen Paaren, um die es in seinem Buch geht. Und die Firma eßkultur serviert das „Wirtschaftswunder-Menü“ aus dem Buch als Beilage zur Lesung in der Reihe „Zeitung im Salon“.

Roman und Speisen entführen die Zuhörer in die fünfziger Jahre, ein Jahrzehnt, in dem „die Geister der Vergangenheit aus allen Ritzen krochen“, sagt Martenstein im Gespräch mit Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt, der den Abend moderiert. „Wenn man 1955 in eine Straßenbahn stieg, saßen dort all jene Männer, die ganz harmlos wirkten, mit ihrem Brotbeutel auf dem Weg zur Arbeit – aber alle hatten sie Erfahrung mit dem Töten“, sagt Martenstein und liest vom „Großvater“, dem Spätheimkehrer Joseph, der in Russland ein Erschießungskommando geleitet und den „Gefrierfleischorden“ bekommen hat.

Martenstein beugt sich beim Lesen zum Mikrophon vor. Mit seiner eindringlichen Erzählerstimme gibt er dem Text noch mehr Dramatik und Komik. Manche Wörter zischt er aus dem Mundwinkel. Er liest von Kindesmord, Betrug, Ehebruch, Wahnsinn. Es gehe ihm um die Frage, was Menschen einander verzeihen, sagt er. Josephs Frau Katharina nimmt ihrem Mann nicht nur die Taten im Krieg übel, sondern auch den Verlust seines guten Aussehens. Sie selbst, die „Schönheitstänzerin“, war bei der „Totalmobilmachung“ zum Panzerfaustbau rekrutiert worden und hatte den Krieg „um mindestens einige Sekunden verkürzt“ – indem sie die männlichen Aufseher in der Fabrik von der Produktion ablenkte: mithilfe ihrer aufreizenden, durchsichtigen „Kapitulationsbluse“. Daniela Martens

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