Berlin : Ehemalige DDR-Bürgerrechtler eröffnen eine Mediathek in der Normannenstraße

Auf den ersten Blick sieht Uwe Boche aus wie ein typischer ostdeutscher Bürgerrechtler. Mit Jeans und Sandalen steht er zwischen Regalen voller Stasi-Akten und Geheimdienstbücher. Die Bände gehören zur "Mediathek Haus 1", die am Mittwoch in der Normannenstraße eröffnet wurde. Boche leitet das Projekt. Das neue Dokumentationszentrum in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Lichtenberg will mit über 10 000 Büchern sowie unzähligen Dokumenten und Filmen die Strukturen der Stasi beleuchten.

Doch wer interessiert sich heute noch dafür - knapp zehn Jahre nach dem Ende der DDR? Das ist die Frage, die Boche umtreibt. Er macht klar, dass das öffentliche Interesse vom Image der Betreiber abhängt. "Bei den ehemaligen Opfern ist Realismus eingekehrt", sagt der 33-Jährige. Er selbst kam nur zufällig in die "Aufarbeitungs-Szene", als sein Freund ihn im Januar 1990 fragte: "Willst Du als Fahrer bei der Stasi-Auflösung mitmachen?" Boche sagte zu und fand sich flugs in der "AG Sicherheit" des Runden Tisches wieder. Seitdem engagierte er sich für die Abwicklung des Spitzeldienstes und die Sammlung der Akten. In zwei Wohnungen im Prenzlauer Berg baute er ein Dokumentationszentrum auf, "um die Geschichte nicht dem Staat zu überlassen". Doch jahrelange politische Streitigkeiten unter den Opfervereinen bremsten sein Engagement. Erst das schwindende öffentliche Interesse veranlasste viele seiner Weggefährten, ihre Nischen zu verlassen.

Auch die Mediathek, die vom "Bürgerkomitee 15. Januar" getragen wird, will weg vom Opferimage. Übersichtliche Schlagwortregister sollen zukünftigen Nutzern ein langes Suchen ersparen, moderne Datensysteme einen schnellen Informationsaustausch mit anderen Archiven erleichtern. Wolfgang Kusior freut sich über die neuen Wege der ehemaligen Bürgerrechtler. Der Geschäftsführer der "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" stellt für dieses Jahr 150 000 Mark zur Verfügung und lobt das Projekt: "Wir brauchen eine Verknüpfung der Opfergruppen." Die ehemalige Stasi-Zentrale in Lichtenberg sei dafür ein gutes Beispiel, denn hier arbeiten Bürgerkomitees und Bildungsvereine unter einem Dach.

Das Konzept scheint aufzugehen. Obwohl Mielkes Dienstsitz einer dringenden Sanierung bedarf und 40 Prozent der Räume wegen Eigentumsstreitigkeiten leer stehen, wächst der öffentliche Zuspruch. Mehr als 50 000 Besucher strömen jährlich in die Normannenstraße, um sich über den DDR-Spitzeldienst zu informieren. Besonders erfreulich ist aus Boches Sicht, dass immer mehr Ostdeutsche den Weg nach Lichtenberg finden. Das Interesse an der eigenen Vergangenheit steige wieder an, "besonders bei Schülern, deren Eltern nichts von der DDR erzählen". Diese Generation ist Boche wichtig. Deshalb plant er auch einen Internet-Auftritt des Archivs - vernetzt mit anderen Opfergruppen. "Nur so haben wir eine langfristige Überlebenschance."

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