Ehemalige DDR-Generäle : "Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben"

"Hinterhältig verraten und verkauft": Die DDR-Generäle Heinz Keßler und Fritz Streletz haben auch anno 2011 noch ihre ganz eigene Sicht auf die Mauer.

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Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Die DDR-Regierung wollte so die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland sichern und DDR-Bürger daran hindern, in den Westen zu fliehen.Weitere Bilder anzeigen
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08.08.2011 15:00Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Die DDR-Regierung wollte so die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland...

Immer, wenn Fritz Streletz und Heinz Keßler auftreten, können sie sich auf eine geneigte Schar von Anhängern verlassen. Die beiden Ex-Generäle der Volksarmee, letzterer sogar DDR-Verteidigungsminister, gelten in der Betonfraktion der Linken als wichtigste Repräsentanten der untergegangenen DDR, ganz im Gegensatz etwa zu Egon Krenz oder Günter Schabowski, die als Weicheier und Kollaborateure abgehakt sind. Deshalb fanden sich am Mittwochabend rund 200 Zuhörer, um im Haus des „Neuen Deutschland“ am Ostbahnhof beiden bei der Vorstellung ihres gemeinsamen Buchs zuzuhören. Es trägt den Titel „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ und sucht eben diese These mit einer Flut von Dokumenten zu belegen.

Die ist an sich nicht besonders originell: Auch von ehemals westlicher Seite wird ja kaum in Zweifel gezogen, dass der Mauerbau faktisch zu einer Stabilisierung der heiklen militärstrategischen Lage Anfang der sechziger Jahre geführt hat. Doch das vielfältige Medienecho zum 50. Jahrestag des Mauerbaus veranlasst die beiden greisen Militärs offenbar, eine schon fast verhallte Rechtfertigungsrhetorik zu bemühen, die die Berliner Mauer als Werk des Friedens auferstehen lässt und, natürlich, die DDR-Führung als solidarisch ausführendes Organ der mächtigen Völker des Warschauer Pakts unter Führung der UdSSR.

Das Erschütternde an diesem Abend ist nicht so sehr die altbekannte Argumentation, sondern ihre unverändert steinerne Form. Besonders Streletz trägt im gewundenen, autoritär gestanzten Ton der ruhmreichen Parteitage vor, der immer so klang, als befürchte der Redner, im Falle eines falschen Zungenschlags sofort vom KGB abgeholt zu werden. Die Zuhörer, überwiegend Männer im gehobenen Rentenalter mit weißgrauen Haaren und festen Händen, die hart zugepackt haben, folgen den Ausführungen konzentriert, obwohl ihnen nichts Neues geboten wird: Viele haben das Buch auf dem Schoß, mancher dokumentiert sogar mit bunten Klebezetteln die wichtigsten Stellen.

Beifall gibt es weniger für die umständlichen, manchmal minutenlang mäandernden Sätze rund um den Mauerbau, sondern für die Sottisen und Bekenntnisse am Rande. Kommt die Sprache auf bekannte Lieblingsfeinde, brandet höhnisches Gelächter auf. „Kein Land hat so gewissenhaft und termingerecht alle Verpflichtungen des Warschauer Vertrags erfüllt wie die DDR“, brüstet sich Streletz, „aber kein Land des Warschauer Pakts wurde 1989 und 1990 so hinterhältig verraten und verkauft von Gorbatschow und Schewardnadse wie die DDR.“ Das sehen die Zuhörer mehrheitlich genauso.

Das Leid der Menschen kommt an diesem Abend nur in Spurenelementen vor. Streletz gesteht zu, dass der Mauerbau viel menschliches Leid verursacht habe, „aber im Interesse der Erhaltung des Friedens in Europa mussten leider solche Grenzsicherungsmaßnahmen durchgeführt werden“. Und auf die Frage des Moderators, ob man nicht zumindest in den achtziger Jahren an eine Milderung des Grenzregimes gedacht habe, rühmt er sich ausführlich der Mühen, die es gekostet habe, den Russen auf Anregung des Genossen Honecker den Abbau der Minen an der innerdeutschen Grenze abzuringen. Na, immerhin.

Selbstzweifel oder gar Selbstkritik, das kennt man, stehen den alten Genossen nicht zu Gebote. Oder, wie Heinz Keßler es für die nahe und fernere Zukunft formuliert: „Ein Kommunist, wie ich einer bin, bleibe und bleiben werde.“ Großer Beifall belohnt ihn für dieses unerbittliche Bekenntnis.

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