Berlin : Ehemalige Trebegänger brauchen festen Boden

Tobias Arbinger

Sie geben sich hart und männlich, in Wirklichkeit sind sie noch halbe Kinder: Mike, 15 Jahre, den die Mutter des Einbruchs in die eigene Wohnung beschuldigte, Steffen, 16, der "der Texte zu Hause" wegen irgendwann abgehauen ist (Namen geändert). Steffen schloss sich einer Skinheadgruppe an, feierte Kiffparties daheim. Mike rutschte in die Kriminalität ab: Einbrüche, Diebstahl. "Ich kann von Glück sagen, dass ich nicht in den Knast gewandert bin", sagt er. Stattdessen hat ihn die Polizei in der Notunterkunft für obdachlose Kinder und Jugendliche in der Wustrower Straße in Hohenschönhausen abgeliefert.

Zweieinhalb Monate ist es her, dass Steffen plötzlich vor der Tür des ehemaligen Kita-Flachbaus stand. Nun wohnt der schlanke Junge mit den blondgefärbten Haaren in einem karg möblierten, neonbeleuchteten Zimmer. Hiphop-Poster hängen an der Wand, auf dem Graffiti-bemalten Tisch liegt eine "Bravo". Zur Mutter, die zum Schluss "nur noch geheult" hat, will er vorerst nicht zurück. Steffen hofft auf einen Platz in einer therapeutischen Wohngruppe.

Die Notunterkunft des freien Trägers "Neues Wohnen im Kiez" ist eine Auffangstation für junge Trebegänger. 1500 bis 2000 solcher gestrandeter Minderjähriger sind Schätzungen zufolge derzeit auf den Straßen der Stadt unterwegs. Am Alexanderplatz, am Bahnhof Zoo, in Einkaufszentren. Das Projekt in Hohenschönhausen ist eine von mehreren Hilfseinrichtungen, 30 Schlafplätze stehen dort zur Verfügung. Fast ebensoviele Betreuer, Sozialarbeiter und Psychologen kümmern sich um ihre Schützlinge, die in zwei Krisen- und einer Wohngruppe untergebracht sind. Rund um die Uhr stehen Ansprechpartner zur Verfügung.

Die Minderjährigen bekommen warmes Essen und ein Dach über dem Kopf. Es sind Angebote; gezwungen zu bleiben wird niemand. Zusätzlich setzt das Betreuungspersonal einen "Klärungsprozess" in Gang. Es entwickelt mit den Jugendlichen und in Absprache mit dem Jugendamt eine Perspektive. Zurück zu den Eltern, Therapien, betreute Wohngemeinschaften gehören zu den Möglichkeiten. Die Notunterkunft ist eine Übergangsstation. Mehr als drei Monate soll niemand dort bleiben.

Seit 1996 besteht die Kriseneinrichtung. Das Bezirksamt hat der freien Trägergesellschaft die ehemalige Kita vermietet. Für die Jugendlichen steht ein knapp bemessener Tagessatz zur Verfügung. Geld zur Sanierung des Plattenbaus gibt es nicht. Der Boden ist zu großen Teilen einem abgetretenen Plastikbelag aus Holzimitat ausgelegt. Ihn möchte "Neues Wohnen im Kiez" gerne durch farbig-freundliches Linoleum ersetzen. Dafür würden Spenden verwendet. Strapazierfähig müsste er sein, wie alles in der Notunterkunft. Oft müssten die Betreuer gewalttätige Auseinandersetzungen schlichten. Die Einrichtung bezeugt dies. Eine Holztür hat ein fußgroßes Loch. Handwerker haben gerade den alten Haupteingang, ein Glasfoyer, zugemauert. Die Scheiben sind einfach zu oft zu Bruch gegangen.

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