Ehemaliger Vergnügungspark : Spreepark: Rummel im Dschungel

Die Natur hat sich den 2001 geschlossenen Spreepark im Plänterwald zurückerobert. Für das verwaiste Areal gibt es neue Pläne, aber noch keinen Investor.

Christoph Stollowsky
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Rest vom Fest. Das Drachenmaul des „Spreeblitz“ sieht aus wie eine Fratze im Dschungel. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Einst schossen hier die Boote vom Felsen ins Wasser, dass es nur so spritzte. Tempo, Kreischen, nasse Abenteuer – so ging es zu auf der Wildwasserbahn „Grand Canyon“ im Spreepark im Plänterwald. Bis zum Ende im Herbst 2001, als der traditionsreiche „Freizeit- und Familienpark“ am Treptower Spreeufer wegen Zahlungsunfähigkeit seine Tore schloss. Jetzt hopsen hier Frösche über die Schienen, auf denen die Kähne zum künstlichen Berg hinaufgezogen wurden. Die Tümpel zwischen den Bootskanälen belagert Entengrütze. Goldruten umrahmen die erstarrte Vergnügungsstätte. Brennnesseln wuchern aus Bodenplatten, seit vielen Jahren geht das nun so. Zeit genug für die Efeuranken, auch das Schaukelpferd nebenan zu umschlingen.

Der einstige Rummel hat sich zum verwunschenen Märchenort gewandelt. Zum Biotop. Zur gefragten Film- und Fotokulisse und zur Adresse für eine der bizarrsten Führungen, die man in Berlin derzeit erleben kann. Acht Jahre lang Stillstand. Und nahezu vollkommene Stille, nur vom Tuten der Spreedampfer unterbrochen. Keine ordnende menschliche Hand, weil bislang niemand in Berlin konkret weiß, wie es auf dem rund 30 Hektar großen Gelände hinter den verrosteten Zäunen weitergehen soll. Der Spreepark ist durchs Nichtstun wieder zur Attraktion geworden. Ganz anders jedoch, als es sich dessen Schöpfer vom staatlichen „Kulturpark Plänterwald“ zur Eröffnung 1969 vorstellten.

Es war der einzige ständige Vergnügungspark der DDR und nach der Wende auch ganz Berlins. Man zahlte einmalig Eintritt, konnte danach alle Belustigungen so oft genießen, wie man wollte. Bis zu 1,7 Millionen Besucher kamen zu DDR-Zeiten jährlich. 1989, kurz vor dem Mauerfall, wurde das Riesenrad zum 40. DDR-Jubiläum auf 45 Meter Höhe vergrößert. Seither war es das Wahrzeichen der Gegend und wurde als solches erst 1998 von den Allianz-Treptowers abgelöst. 1991 privatisierte der Senat den Park, die „Spreepark GmbH“ des Schaustellers Norbert Witte erhielt einen sogenannten Erbbaupachtvertrag: Das Gelände gehörte weiter dem Land, Witte zahlte Pacht. Der frischgebackene Vergnügungspark-Chef gestaltete das Areal um, baute 30 neue Fahrgeschäfte auf, vom „Rollover“ bis zum „Spreeblitz“, scheiterte aber schließlich an den Folgekosten der millionenschweren Investitionen.

Als die Besucherzahlen ab 2000 zurückgingen, machte Witte pleite, setzte sich mit seiner Familie nach Peru ab, versuchte sich als Drogenschmuggler und landete im Knast (s. Kasten). Drehbuchautoren hätten viel Fantasie gebraucht, um sich das alles zusammenzureimen. Den Dokumentarfilmer Peter Dörfler reizte die Story, er machte daraus den Dokumentarfilm „Achterbahn“. Und weil sein Streifen seit April in den Kinos läuft, ist das Interesse an jenem Ort mächtig gewachsen, an dem die Zeit und die Karussells einfach stehen geblieben sind.

Christopher Flade, die Schauspielerin Jenny Bins und eine Sicherheitsfirma leiten die Neugier in geordnete Bahnen. Flade ist 21 Jahre alt, Hotelkaufmann und seit seiner Kindheit ein Fan des Spreeparks. Als sein liebster Aufenthaltsort dichtmachte, wollte er die Erinnerung wach halten und schuf eine Website mit Infos, Geschichten und Interviews rund um den Park. Darauf bietet er neuerdings auch Führungen ins Vergnügungsparadies an, das kein Investor bislang wachgeküsst hat. Männer des vom Land engagierten Bewachungsunternehmens begleiten jede Gruppe. Doch zuvor studiert man am besten Christopher Flades Website oder den früheren Internet-Auftritt des Spreeparks unter www.spreepark.de, der noch im Netz steht. Hier wird der einstige Plänterwald-Trubel wieder lebendig. Umso größer erscheinen danach die Kontraste.

Zum Beispiel an der Achterbahn „Spreeblitz“. Von Pappellaub und Winden sind die kurvenreichen Schienen umwuchert, käme der Spreeblitz noch in Fahrt, wäre es eine Dschungelbahn. Am Ende schoss sie aus einem grell bemalten Drachenmaul heraus, das noch gut erhalten ist. „Davor lassen sich supergerne Punk-Bands oder Models ablichten“, sagt Christopher Flade. Ganz in der Nähe ist ein Wikingerschiff im verschlickten Canale Grande in Schieflage geraten, wartet das riesige Zirkuszelt auf bessere Zeiten, bleichen Riesenradgondeln in der Sonne aus, bricht Beifuß durch die Bühne des „Hops & Hopsi“-Kindertheaters – und in der „Dino-World“ haben sich die Urzeitriesen schlafen gelegt: Dinosaurier sind umgekippt, man blickt in hohle Plastikbeine, nur der drei Meter hohe Tyrannosaurus Rex ist standhaft geblieben.

Lassen sich all diese Belustigungen wieder in Schwung bringen? Experten sind skeptisch. Eine Stätte für Vergnügen soll der Spreepark aber bleiben, das ist im Flächennutzungsplan festgeschrieben. Dass sich bisher kein neuer Investor fand, liegt vor allem an der komplizierten Vergabe des Areals. Wäre es 1991 vom Senat an Norbert Witte verkauft worden, hätte die Deutsche Bank als Hauptgläubiger die ihr zustehenden Schulden in Höhe vor rund 12 Millionen Euro durch den Zwangsverkauf des Grundstückes längst eintreiben können. Dies ist aber im Plänterwald nicht möglich, weil der Grund und Boden hier weiter dem Land gehört. Es gilt der Erbbaupachtvertrag, der mit Witte für viele Jahrzehnte abgeschlossen wurde. Das sollte ihm Planungssicherheit geben und einen Grundstückskauf ersparen. Doch nun erweist sich dies als Hürde für Nachfolger. Denn der Vertrag mit Witte gilt trotz Pleite weiter. Jeder neue Investor muss in den Vertrag mit Wittes Einwilligung einsteigen und damit dessen Schulden übernehmen. Es sei denn, er handelt mit der Bank Kompromisse aus.

Gleichwohl ist der Liegenschaftsfonds des Landes, der sich um die Zukunft des Parks kümmert, optimistisch. Man habe zumindest schon einen „seriösen“ Projektentwickler gefunden, heißt es: die Kleist Project & Development GmbH aus Goldberg in Mecklenburg. Sie will im Plänterwald einen archäologischen Themenpark mit Meilensteinen der Menschheitsgeschichte zum Anfassen aufbauen, beispielsweise die Grabkammer des Tutanchamun oder die Kultstätte Stonehenge im Maßstab 1:1. Doch die Entwickler sind nicht die Geldgeber. Investoren werden noch gesucht. Vermutlich werden die Frösche den Grand Canyon im Plänterwald auch noch im kommenden Sommer bevölkern.

Auf der Website www.berliner-spreepark.de findet man die Führungen durch den verlassenen Park. Sie dauern zwei Stunden und kosten 15 Euro pro Person. Infotelefon: (0176) 8314 3138.

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