Berlin : Ehrenamt: "Ich gehe immer beschenkt von hier weg"

Amory Burchard<br><br>Im Ricam-

Viel hilft viel, sagt eine Bauernregel. Bei sozialen Projekten stimmt das sogar. Viele Einrichtungen brauchen ehrenamtliche Helfer. Bis zum ersten Berliner Freiwilligentag am 16. September vom Treffpunkt Hilfsbereitschaft und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband wollen wir möglichst viele Menschen in dieser Stadt aktivieren, sich als Helfer ohne Honorar zu engagieren. In den kommenden Wochen stellt der Tagesspiegel in loser Folge Berliner vor, die sich ehrenamtlich für andere einsetzen. Sie erzählen, was sie geben wollen und was ihnen ihr Ehrenamt gibt. Die 51-jährige Hausfrau Barbara Kalisch spricht im Ricam-Hospiz in der Delbrückstraße 22 (Neukölln) einmal in der Woche mit todkranken Patienten.

Man geht nicht in ein Zimmer und sagt: Guten Tag, ich bin Barbara und mache Sterbebegleitung. Ich stelle mich vor und sage: Ich bin Ehrenamtliche, ich bin da und habe ganz viel Zeit. "Ehrenamtlich" - da kommt bei vielen trotzdem eine gewisse Ablehnung. Ein Mann fragte: Soll ich jetzt mit Ihnen darüber reden, wie es ist, bald zu sterben? Nein, darum geht es nicht. Schließlich haben wir über ganz andere Themen gesprochen. Man kann sich oberflächlich unterhalten und trotzdem ganz viel Nähe zueinander haben. Anders als mit Verwandten, zwischen denen es oft Schuldgefühle gibt.

Ich finde es traurig, dass der Tod so ausgeblendet wird. Wir werden doch geboren, um zu sterben. Wir müssen nur sehen, dass wir dazwischen so viel wie möglich Leben hineinbekommen. Vor Jahren habe ich die 92-jährige Tante meines Mannes begleitet. Für die Verwandten war es kaum auszuhalten, zu dieser sterbenden Frau zu gehen. Mir hat es nicht so viel ausgemacht. Vor zweieinhalb Jahren habe ich mich aus dem Bauch heraus dafür entschieden, ins Hospiz zu gehen und meine Hilfe anzubieten. Ich hatte darüber eine Sendung auf Radio Paradiso gehört. Im Fahrstuhl dachte ich kurz: Oh Gott, was machst du hier eigentlich? Aber dann war ich gleich so angetan. Dieser lichtvolle Flur, die Dachterrasse. Ich kann eine Menge in mein eigenes Leben rübernehmen. Wenn etwas anders kommt als geplant, stelle ich mich nicht mehr so in Frage. Im Umgang mit Bekannten und Verwandten bin ich viel gelassener geworden. Es ist mir nicht mehr so wichtig, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Auch wenn man Sterbebegleitung macht, muss man wirklich ganz ehrlich sein. Es bringt nichts, bei jemandem zu sitzen, mit dem man nicht kann. Das sollte man sich dann ganz offen eingestehen.

Für meinen Mann und viele Bekannte ist es unverständlich, dass ich hierher gehe und auch noch fröhlich zurückkomme. Sie haben große Angst vor dem Sterben. Ich selber komme oft völlig down hier an, aber ich gehe immer beschenkt. Eine ganz alte Dame hat mir gerade das Du angeboten. Wir sind am gleichen Tag geboren und haben festgestellt, wie ähnlich wir uns doch sind. Sie fragte mich plötzlich nach meinem Leben aus. Dann konnten wir auch über das Sterben sprechen. Sie sagte: Ich glaube, ich muss jetzt doch bald gehen. Ich antwortete nur: Ja, Gerda.

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