Ehrenamt in Berlin : Die Zukunft beginnt beim Nachbarn

Engagierte Bürger prägen unsere Stadt: Ihre Visionen verbessern das Miteinander. Helfer und Stifter finden jetzt hier ein Forum.

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Gutmenschen können so richtig schön unbequem sein. Sie stellen den eigenen Alltag infrage, weil sie die Welt für alle besser machen wollen. Sie können einem mitunter ein schlechtes Gewissen bereiten, wenn sie ihre Freizeit anderen opfern und schlimmstenfalls auch noch moralisierend den Zeigefinger erheben. Aber was wäre diese Welt ohne Gutmenschen?

Über Klischees ist die Wirklichkeit längst hinausgewachsen. Das gesellschaftliche Leben in unserer Region, in dieser Stadt, in den Kiezen würde ruhen ohne all die Mitdenker und Anpacker, ohne die Mutmacher und Mitmischer.

Fast jeder dritte Berliner engagiert sich bürgerschaftlich (s. Grafiken), wie die gerade von Senatskanzlei und Sozialverwaltung vorgelegte repräsentative Freiwilligenerhebung von 2009 zeigt. 28 Prozent aller Berliner und 33 Prozent aller Brandenburger sind ehrenamtlich aktiv. Dabei werden selbstorganisierte Strukturen wie Gruppen und Initiativen immer wichtiger, während Verbände, Gewerkschaften und Parteien mit abnehmendem Interesse umgehen müssen. Bürger- und Verbraucherinitiativen sowie moderne Netzwerke wie die neuen Social Media im Internet verbuchen rasant wachsendes Interesse. Es gibt innovative Partnerschaften, wie das gestern in Berlin vorgestellte Projekt von den Machern des Disney-Musicals „Tarzan“ und der Naturschutzorganisation WWF zugunsten der letzten Berggorillas. In der Stadt gibt es allein 730 Stiftungen mit einem Vermögen von drei Milliarden Euro.

Herausragende Persönlichkeiten investieren in soziale und kulturelle Projekte, für die es keine öffentlichen Gelder mehr gibt. Volonteering und Fundraising sind längst professionelle Geschäftsfelder. Und Unternehmen zeigen sich über „Corporate Social Responsibility (CSR)“ als Sponsoren und Mäzene verantwortlich. In keinem anderen Bundesland wirken so viele Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 30 Jahren vor allem im Sport, in Kita, Schule und Sozialwesen mit. Kunst-, Kultur- und Musikszene leben von Menschen mit heißem Herzen und Durchhaltevermögen, Religion und Kirche, die Freizeitbranche, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung, Gesundheit, Umwelt-, Tier- und Klimaschutz, Berufsverbände, Politik und Bürgerplattformen, Rettungsdienste und Kriminalitätsopferhilfe.

Der Tagesspiegel ist seit seiner Gründung das Blatt des bürgerschaftlichen Engagements. Gemeinsam mit Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, hat die Zeitung schon für Kriegsrückkehrer gesammelt. Für Ost-Flüchtlinge, für Waisenkinder in Leningrad, Hinterbliebene des Tsunami und von Fukushima. Mit der Spendenaktion „Menschen helfen!“ fördern wir seit fast zwei Jahrzehnten die soziale Stadt. Jetzt wollen wir uns noch intensiver all den Menschen widmen, die sich für Berlin, Brandenburg und die Welt einsetzen. Das korrespondiert mit den Ergebnissen der aktuellen Freiwilligenstudie eines Meinungsforschungsinstituts, da steht bei den Befragten als ein Wunsch die „bessere Anerkennung durch Berichte in Presse und Medien“ oben. Wir werden die Benefizszene dabei weiter kritisch prüfen.

Die Redaktion will zugleich guten Nachrichten mehr Platz einräumen. Denn die Welt des Helfens ist bunt und überraschend. Freiwillige legen sich den Befragungen zufolge ins Zeug, weil sie schlicht Spaß an der Sache haben. Neben diesem legitimen Eigeninteresse geben Befragte zunehmend an, ihren Mitmenschen helfen zu wollen. Die 31- bis 45-Jährigen sind in Berlin „zur führenden Altersgruppe“ der Engagierten aufgestiegen“. Leute mit Job engagieren sich häufiger als Arbeitslose. Engagement ist außerdem weiblich: Mehr Frauen setzen sich ein, vor allem in den Kreativkiezen und Migrationsbezirken. Je höher der Bildungsgrad, desto größer das gesellschaftliche Engagement. Aktuell greift beispielsweise die Allianz diesen Trend auf und fördert Frauenfußball-WM sowie Breitensport. Auch, weil sie auf diese Weise angesichts des Arbeitsmarktes langfristig um weibliche Führungskräfte werben will. Bei all diesen Themen sind wir am Ball.

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