Berlin : Ehrenamt: Manche erkennen sie nur, wenn das Akkordeon mit ist

Annekatrin Looß<br><br>We

Viele soziale Einrichtungen brauchen ehrenamtliche Helfer - auch nach dem Ersten Berliner Freiwilligentag. In einer Serie haben wir in den vergangenen Wochen Berliner vorgestellt, die sich bereits ehrenamtlich für andere einsetzen. Mit dem Bericht von Hannelore Ilgmann beenden wir unsere Serie. Frau Ilgmann spielt alten Menschen im Pflegeheim auf dem Akkordeon vor. Organisiert werden solche Besuche vom Sozialwerk Berlin.

Ich habe mich mein ganzes Leben lang in meine Arbeit als medizinisch-technische Assistentin gestürzt. Da konnte ich mich nicht einfach zur Ruhe setzen, als ich vor fünf Jahren in Rente ging. An die Arbeit im Pflegeheim "Waldfriede" kam ich über eine Klassenkameradin meiner Mutter, die das schon seit über 20 Jahren macht. Am Anfang sind wir immer zusammen in die Heime gegangen und haben mit den Leuten dort geredet, oder etwas vorgelesen. Eines Tages konnte sie aber nicht. Deshalb musste ich mir selbst überlegen, was ich mit den alten Menschen anstelle. Als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, dass ich als junges Mädchen oft Akkordeon gespielt habe. Das hatte ich schon fast vergessen. Ich hab mir dann von heut auf morgen ein kleines Akkordeon gekauft und bin damit ins Altenheim gegangen. Vor meinem ersten Auftritt musste ich erstmal tief durchatmen. Ich war ganz schön aufgeregt, schließlich hatte ich seit 40 Jahren nicht mehr gespielt. Aber es hat funktioniert. Den Menschen im Heim hats gefallen. Seitdem gehe ich jeden Dienstag nachmittag ins Heim. Durch mein Akkordeon habe ich es furchtbar leicht. Viele von uns gehen ja in Heime und reden oder spielen etwas mit den Leuten. Das ist natürlich viel schwieriger als ein paar Lieder zu spielen.

Dennoch, die Menschen blühen förmlich auf, wenn ich anfange zu spielen. Die meisten sind ja schon sehr alt und schwach, viele sind krank. Bevor ich anfange zu spielen, liegen sie apathisch in ihren Stühlen. Aber nach zehn bis fünfzehn Minuten werden sie aktiv, einige fangen sogar an zu tanzen. Viele wünschen sich dann Schlager oder Kriegslieder. Wunschkonzerte gebe ich allerdings nicht so gerne. Dazu spiele ich nicht professionell genug. Um noch besser zu werden, nehme ich jetzt einmal in der Woche Akkordeonunterricht.

Einmal im Monat gehe ich außerdem sonntags morgens mit meinem Akkordeon durch die Zimmer der Menschen, die nicht mehr zu meinem Vorspiel kommen können. Dann stelle ich mich direkt vor den Fernseher und spiele den Leuten was vor. Der Fernseher läuft bei den Menschen ja meist einfach nur als Geräuschkulisse. Komischerweise erkennen mich die Leute nur, wenn ich mein Akkordeon dabei habe. Einmal ging ich sie ohne besuchen, da haben viele gefragt, was ich in ihrem Zimmer wolle.

Obwohl die Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal am Anfang nicht einfach war, bin ich froh, dass ich mich für das Ehrenamt entschieden habe. Die Pfleger haben am Anfang gedacht, ich will mich in ihre Arbeit einmischen. Inzwischen singen sie sogar manchmal mit, wenn ich vorspiele. Es ist oft gar nicht so einfach, meine Freundschaften außerhalb des Ehrenamtes zu pfegen, denn ich bin ziemlich eingespannt. Mittwochs arbeite ich ja immer noch beim Sozialwerk. Dennoch, die Freude, die ich mit meiner Musik gebe, kommt doppelt zu mir zurück. Die Liebe und Dankbarkeit, die man dort spürt, die entschädigt für jedes mal tief Luftholen.

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