Ehrenamt : Neue alte Freunde

Gegen die Einsamkeit von Berliner Senioren fädelt ein Verein Patenschaften ein.

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Anita Reimann und ihre Besuchspatin Isabelle Malmartel treffen sich seit einigen Monaten – hier bei einem Besuch in Reimanns Wohnung in Gropiusstadt.
Anita Reimann und ihre Besuchspatin Isabelle Malmartel treffen sich seit einigen Monaten – hier bei einem Besuch in Reimanns...Foto: Birte Zellentin/promo

Anita Reimanns Einsamkeit beginnt vor zwölf Jahren. Ihre Tochter zieht nach Schleswig-Holstein, ihr jüngster Sohn in die Mark Brandenburg. Kurz danach stirbt ihr Mann, wenig später auch ihr zweiter Sohn an einem Hirntumor. Reimann zieht aus ihrer Vier-Zimmer-Altbauwohnung in einen Plattenbau am U-Bahnhof Lipschitzallee, in ein Haus des Senats voller Ein- und Anderthalbraumwohnungen für Senioren. „Am Anfang hatte ich hier ein paar Kontakte“, erzählt die 94-Jährige. Mit einer Freundin isst sie oft gemeinsam, besucht mit einer anderen den Rosengarten nicht weit von ihrem Haus. Doch viele der Bewohner sterben oder gehen ins Altersheim. Im Haus wohnen fast nur noch junge Leute.

Anita Reimann hat ihre Wohnung seit Jahren nicht mehr allein verlassen. Zu gefährlich, sagt sie. „Ich falle oft hin, alleine komme ich nicht mehr hoch.“ Von morgens bis abends sitzt sie allein auf ihrer Couch, der Fernseher läuft, das Radio auch. „Ich sitze hier und starre Löcher in die Luft“, sagt Reimann. Die Berlinerin ist gelernte Schuhverkäuferin, hatte immer viel mit Menschen zu tun. 20 Jahre leitete sie beim Roten Kreuz in Kreuzberg und Neukölln die Abteilungen, die die Altenpflege und Haushaltshilfen koordinierten. Heute braucht sie die selbst. Morgens und abends kommen Pfleger vorbei, sie haben genau sieben Minuten, um die Mahlzeiten vorzubereiten. Viel Zeit zum Reden bleibt da nicht.

Ab und zu klopft ein Nachbar an der Tür, schaut nach dem Rechten und macht Besorgungen. Jeden Montag bekommt sie Besuch von der Tochter einer Arbeitskollegin, jeden Dienstag von ihrem Sohn aus Brandenburg. „Vor einem Dreivierteljahr habe ich ihm gesagt, er könne mich demnächst im Irrenhaus besuchen kommen“, sagt sie. Da hat der Sohn ihr die Nummer vom Verein „Freunde alter Menschen“ herausgesucht. Reimann hat sofort angerufen.

Der Verein vermittelt Besuchspartnerschaften, organisiert Treffen junger und alter Menschen und berät Senioren und pflegende Angehörige zu gesundheitlichen und sozialen Themen oder wie man seine Wohnung altersgerecht gestalten kann. Vier Haupt- und 160 Ehrenamtliche engagieren sich derzeit in Berlin. Seit 1991 gibt es den Verein hier. „Die Idee kam ursprünglich aus Paris und hat sich von dort aus in acht Ländern verbreitet“, erzählt Anne Bieberstein, die für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising zuständig ist. Der Verein kümmert sich vor allem um Hochbetagte ab 75 Jahren, die nicht mehr so mobil sind, deren Verwandte und Freunde gestorben sind oder weit weg wohnen und die deswegen in Einsamkeit und Isolation leben. Mittlerweile hat der Verein drei Treffpunkte in Kreuzberg, Mariendorf und Reinickendorf. Kern der Arbeit sind die Besuchsprogramme. Der Verein bringt junge engagierte mit alten einsamen Menschen zusammen, vermittelt Nachbarschaftshilfe und will aktuell den Besuchsdienst für Demente ausbauen. „Für alle Bereiche suchen wir Freiwillige“, sagt Bieberstein. „Besonders dringend brauchen wir Engagierte für den Demenzbesuchsdienst.“

Viele trauten sich diese anspruchsvolle Aufgabe nicht zu. Dabei wird bei Freunde alter Menschen niemand alleingelassen. Vor dem ersten Besuch bei einer dementen Person werden die Freiwilligen in mehreren Sitzungen geschult. Auch später stehen die Mitarbeiter des Vereins den Freiwilligen zur Seite. Einmal pro Woche finden dann die Besuche statt, am Anfang werden sie von einer der Koordinatorinnen begleitet. „Uns ist es wichtig, dass wir Menschen zusammenbringen, die zusammenpassen“, sagt Bieberstein.

Anita Reimann bekommt nun regelmäßig Besuch von Isabelle Malmartel. Die 42-jährige Pariserin kannte den Verein aus ihrer Heimat und wollte sich auch in Berlin ehrenamtlich engagieren. „Das Schönste sind für mich die direkten, persönlichen Gespräche, eins zu eins“, sagt Malmartel. Seit ein paar Monaten besucht sie Anita Reimann zu Hause, liest ihr vor, erzählt aus ihrem Leben und hört den Sorgen und Geschichten der 94-Jährigen zu. Und hat so in kurzer Zeit eine neue „alte Freundin“ gewonnen, wie sie im Verein sagen. Warum Malmartel das macht? „Man fühlt, dass die Besuche den alten Leuten so viel geben.“ Und man bekomme auch viel zurück, positive Rückmeldungen, Lachen und Dank. „Es ist so einfach, sie glücklich zu machen“, sagt Malmartel. Auch finde sie es wichtig, sich mit Themen wie Tod und Alter auseinanderzusetzen, die sonst in der Gesellschaft oft ausgeblendet werden.

Anita Reimann strahlt, wenn sie von den Besuchen spricht. „Die Erzählungen aus Frankreich sind spannend und neu für mich“, sagt Reimann. Sie bringen ihr Abwechslung. „Und beim nächsten Besuch will mir Isabelle weiter vorlesen“, sagt sie und zeigt auf einen dicken Wälzer im Regal. Früher hat Reimann viel gelesen, heute machen ihre Augen das nicht mehr mit. Mit einer Lupe kann sie nur mühsam den Brief des Vereins entziffern, der sie zu den nächsten Treffen in Kreuzberg einlädt.

Auch Ausflüge hat sie mit den Freunden alter Menschen schon gemacht. In den letzten Monaten ging es etwa in den Zoo und die Gärten der Welt in Marzahn. Regelmäßig nimmt Reimann an Kaffee- oder Spielenachmittagen teil. Ein Fahrdienst holt sie an der Haustür ab und bringt sie wieder heim. Fünf Euro müssen die alten Damen – der Großteil sind Frauen – für den Service bezahlen. Auch Weihnachten hat Reimann in den Vereinsräumen in Kreuzberg gefeiert, die Tochter ihrer Kollegin, mit der sie sonst feiert, hat sie einfach mitgenommen. „Das war wunderschön“, sagt Reimann. „Auch wenn man danach wieder allein zu Hause sitzt.“

Ins Altersheim nach Schleswig-Holstein zu ihrer Tochter will Reimann aber nicht. „Da ist der Hund begraben. Ich bin ein Stadtmensch. Dort auf dem Land freut man sich, wenn einmal am Tag ein Auto vorbeifährt.“ Nur leider hat ihre Besucherin jetzt nicht mehr so viel Zeit für sie. Vor kurzem hat Malmartel eine Vollzeitstelle als Fremdsprachenkorrespondentin bekommen. „Aber ich verstehe das, sie soll sich erst mal Zeit nehmen, um dort richtig anzukommen“, sagt Reimann. Außerdem wird sie gut vertreten. Seit ein paar Wochen kommt ein junger Amerikaner zu Besuch, erzählt sie. „Gerade ist er im Urlaub bei seiner Familie, aber am Sonntag ist er zurück und will vorbeikommen, um mir von der Reise zu erzählen.“ Und ihr vielleicht ein Stück aus dem Buch vorzulesen.

Mehr Informationen im Internet unter www.famev.de

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