Ehrenamtliche Arbeit : Nach Hause quatschen

Eine Berlinerin bietet ehrenamtlich Smalltalk am Telefon für den nächtlichen Heimweg.

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Frances Berger betreibt gemeinsam mit einer Freundin ehrenamtlich das „Heimwegtelefon“ in Berlin.
Frances Berger betreibt gemeinsam mit einer Freundin ehrenamtlich das „Heimwegtelefon“ in Berlin.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wenn Samstagabend ist und Frances Berger am Telefon mit Wildfremden quatscht, kann es vorkommen, dass ihr Freund sich beschwert. „Mit mir redest du nie über Musik“, hat er neulich gesagt. Doch das war Spaß – denn das Telefonat diente dem Zweck, eine junge Frau am anderen Ende der Leitung nach Hause zu begleiten. Sie war nach einem Konzertbesuch nachts alleine unterwegs.

Seit Ende vorigen Jahres bietet Frances Berger, 31, mit ihrer Freundin Anabell Schuchhardt, 29, freitags und sonnabends von 22 bis 2 Uhr ihre Begleitung am „Heimwegtelefon“ an – ehrenamtlich. Jeder kann anrufen. Es müssen nicht unbedingt Frauen sein, die sich nachts auf dunklen Straßen sicherer fühlen, wenn sie mit jemandem sprechen können. So ging es auch Berger und Schuchhardt, daher haben sie nach schwedischem Vorbild die Berliner Nummer 12 07 41 82 eingerichtet. „Man kann ja nicht ständig Mutti nachts aus dem Bett holen“, sagt Berger.

Etwa 150 Menschen haben bisher angerufen, schätzt sie. Berger und Schuchhardt suchen freiwillige Helfer, um das Angebot auf spätere Nachtstunden zu erweitern. Von den Interessenten wollen sie unter anderem ein polizeiliches Führungszeugnis. Doch bis die ersten Helfer eingelernt sind, sind Berger und Schuchhardt jedes Wochenende gleichzeitig im Einsatz. Wenn andere von Abendessen, Konzerten und Feiern kommen, bleibt Frances Berger am Telefon in ihrer Wohnung in Alt-Treptow. „Samstagabend sitz’ ich eh auf der Couch“, sagt sie und lacht. Ende April erwartet sie ihr zweites Kind. Berger arbeitet als Unternehmensberaterin und Fotografin, Schuchhardt ist gerade als Geschäftsführerin einer Firma nach Süddeutschland gezogen. Doch das Heimwegtelefon funktioniert überall, die Anrufe laufen über die Computer von Berger und Schuchhardt. Mittlerweile plaudern sie pro Abend mit fünf bis 15 Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet.

Im Dunkeln wird der Weg schnell unheimlich.
Im Dunkeln wird der Weg schnell unheimlich.Foto: Imago

Wenn es klingelt, schreibt sich Berger Namen, Aufenthaltsort und Ziel auf. Zwar ist noch nie etwas passiert, aber im Notfall muss sie wissen, wo die Person sich aufhält. Berger glaubt, das Heimwegtelefon mache einen Angriff unwahrscheinlicher. „Man wirkt selbstsicherer, wenn man telefoniert.“ Dies könne unter Umständen verhindern, zum Opfer zu werden. Die Berliner Polizei sieht das etwas anders. Zwar könne „selbstbewusstes Telefonieren potentielle Täter abschrecken“, sagt ein Sprecher. Andererseits bestehe die Gefahr, dass „die Aufmerksamkeit gemindert“ und „eigene Verantwortung abgegeben“ werde, da man sich auf fremde Hilfe verlasse. Statistisch sei die Wahrscheinlichkeit eines Überfalls auf dem Heimweg allerdings „sehr gering“. Frances Berger möchte aber schon dann für Anrufer da sein, wenn ein diffuses Unwohlsein kommt.

Sie spricht dann mit den Anrufern über Gott und die Welt, über Filme, Restaurants, Urlaubsziele. „Ich frage die Leute, wo sie gerade herkommen, dann ergibt sich das Gespräch automatisch“, sagt Berger. Auch „Stammkunden“ gibt es schon. Nur persönliche Treffen schließt Berger aus. Denn auch im Hinblick auf künftige Helfer muss sie jeden Missbrauch des Heimwegtelefons ausschließen. Was aber nicht heißt, dass man nicht Freude am Quatschen haben darf. Mit einer Anruferin hat Berger neulich bis halb drei Uhr telefoniert. Die blieb dafür eigens noch eine Weile in ihrer Haustür stehen.

Die Verbindung zum Heimwegtelefon

Für Anrufer

Die Nummer, unter der man sich telefonisch nach Hause begleiten lassen kann, ist (030) 12 07 41 82 (Freitag und Sonnabend von 22 bis 2 Uhr).

Für Helfer

Es werden noch freiwillige Helfer für nächtliche Schichten gesucht. Wer Interesse hat, kann sich über E-Mail helfen@heimwegtelefon.de informieren.

Für Spender

Spenden an: Frances Berger, Bank: Ing-DiBa, IBAN: DE 065 00 10 51 75 41 03 01 381, BIC: INGDDEFF.

Informationen online unter www.heimwegtelefon.de

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