Ehrenamtliche Igelstation Berlin-Konradshöhe : Die Igelretterin

Am Rande von Reinickendorf kämpft die Rentnerin Dorothea Krössin um das Überleben von Berliner Igeln. Seit mehr als 30 Jahren pflegt sie dort verwundete oder verstoßene Igel, die ihr Menschen aus ganz Berlin bringen.

von
"Tierisch Berlin": Igelstation Krössin
Tierisch Berlin: Igelstation Krössin

Fährt man mit dem Bus 222 von Tegel bis zur vorletzten Haltestelle, dort wo die Straßen alle Frauennamen haben, hat man es nicht mehr weit zu einer der drei verbliebenen Igelstationen in Berlin. In der Bärbelstraße hat Dorothea Krössin sich der stachligen Säuger angenommen. Um zu ihr zu gelangen, muss erstmal eine Garage durchquert werden, wo die ersten Anzeichen der tierischen Bewohner zu finden sind: Es stapeln sich dutzende Dosen mit Hundefutter, mehr als so manch ausgewachsener Retriever wohl in mehreren Monaten verspeisen könnte.

Die 73-Jährige öffnet mit einem routinierten Lächeln die Tür, sie ist es gewöhnt, dass ihr Haus besucht wird. Nicht nur Berliner mit Igeln in Not kommen zu ihr. Auch Schulklassen und Kindergartengruppen besuchen sie regelmäßig, einige Erzieherinnen kommen seit Jahren. "Da muss man schon Tricks anwenden, damit die Kleineren das Haus nicht in Chaos verwandeln", erzählt Krössin verschmitzt. "Zum Beispiel, dass man ganz leise sein muss, damit die Igel nicht in ihrem Winterschlaf gestört werden. Aber das stimmt ja auch". Die taffe Dame ist eine dieser unauffälligen guten Seelen der Stadt. Sie hat es nicht nötig, mit ihren Taten zu prahlen. Wozu auch.

Schabefleisch ist nichts für Igel

Angefangen hat die Igelstation Krössin ganz unspektakulär. Bei ein

Video
"Tierisch Berlin": Igelstation Krössin
Tierisch Berlin: Igelstation Krössin

em Urlaub in der Bretagne fand Familie Krössin zwei ausgehungerte Igel. "Die haben wir versucht aufzupäppeln. Jeden Tag sind wir zum Schlachter um Schabefleisch zu kaufen", erinnert sich Krössin und fügt etwas verlegen hinzu: "Der hat uns natürlich den Vogel gezeigt, der Schlachter! Schabefleisch für Igel, was für eine blöde Idee. Sind dann auch gestorben."

Zurück aus dem Urlaub haben Krössin und ihr Mann dann nachgeforscht, was sie hätten unternehmen können. Dabei stießen sie auf den Arbeitskreis Igelschutz e.V., eine ehrenamtliche Gruppe zur Pflege der Vierbeiner. Damals hatte der noch knapp 600 Mitglieder, ein Vielfaches der heutigen Zahlen. Der Rest ist gestorben, sagt die Rentnerin. Also hat sie weitergemacht, seit nunmehr 30 Jahren. Aus der schnell zusammen gebastelten Kiste der Anfangszeit wurde ein ganzer Balkon voller gezimmerter Holzkisten. 16 Stück stehen dort nun, belegt sind sie alle. Und was am Anfang noch etwas kalt war, wurde kurzerhand zum Wintergarten umgebaut. Sie sollen es ja schließlich warm haben.

Mittlerweile ist Dorothea Krössin Vollprofi. Sie spritzt den Tieren die notwendigen Medikamente, weiß schnell zu testen, was dem Patienten fehlt. Das lohnt sich. Von den mehr als 4000 Igeln, die sie bis 2010 aufgenommen hat, haben 3000 überlebt. Das weiß sie, weil die ehemalige Buchhalterin ganz genaue Liste führt. Eingangsdatum, verabreichte Medikamentendosen, individuelle Besonderheiten und Herkunftsort - alles ist genau vermerkt. Das ist wichtig für sie, denn so weiß sie auch, wohin die einzelnen Igel hinterher wieder zurück müssen, wenn sie ausgesetzt werden: "Sie wissen sich ja sonst nicht zurechtzufinden".

Wie mache ich meinen Garten igelfreundlich?

Für jene, die Igel ebenfalls schützen möchten, hat Krössin handfeste Tipps: Vor allem beim Rasenmähen solle man sich in Acht nehmen, "so sind schon einige Igel filetiert worden". Aber auch beim Umsetzen von Laubhaufen ist Vorsicht geboten. Gerade dort bauen sich die stachligen Mitbewohner oft ihre Nester, oder mummeln sich für den Winterschlaf ein. Wer da vorschnell mit einer Forke zustickt, hat schnell einen Igel auf dem Gewissen. Neben solchen Vorsichtsmaßnahmen hat die Igel-Expertin auch konkrete Ratschläge für den anbrechenden Winter: Wenn sich ein Igel im Garten aufhält lohnt es sich, etwas zuzufüttern, damit die Tiere dick genug für den Winterschlaf werden. Dafür eignet sich Hunde- oder Katzenfutter, idealerweise vermischt mit etwas Haferflocken, denn "wir Menschen sollen ja auch nicht die ganze Zeit nur Schnitzel essen. Ein bisschen Gemüse muss da schon sein". Auch Avocado, Rührei und in einigen Fällen Banane sind Gaumenfreuden für Igel.

Als Winterhöhle reicht eine Kiste mit Loch - am besten am Rand des Behälters. Das kann eine alte Babywanne sein oder auch ein paar Steine mit Brett und Laub darüber. Sind sie dann beleibt genug für die lange Winterpause, brauchen die pieksigen Einzelgänger vor allem eines: Ruhe.

Ruhe braucht so langsam auch Dorothea Krössin. Noch zwei Jahre will die 73-Jährige die Station offen halten. Danach müsse sie das "so langsam mal lassen". Eine Kandidatin für die Nachfolge hat sie noch nicht.

Einen Eindruck von der Igelstation und ihrer Wirtin Dorothea Krössin bekommen Sie in unserem Video. Wenn Sie selber einen Igel finden, Fragen haben oder Frau Krössin unterstützen möchten, finden Sie weitere Informationen auf der Website von Igelschutz Berlin e.V.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar