Berlin : Ehrenamtlicher Richter amLandgericht hielt die Hand auf

Makler-Vorstand mit 5000 Mark verhaftet Berlin (ja/-pen).Wegen Bestechungsverdachts hat die Berliner Staatsanwaltschaft am Mittwochabend den 50jährigen Immobilienmakler Herbert Heinrich Wildanger festnehmen lassen.Dem Vorstandsmitglied des Ringes Deutscher Makler (RDM) wird vorgeworfen, als ehrenamtlicher Richter an der Kammer für Handelssachen des Landgerichts von einem Prozeßbeteiligten Geld gefordert zu haben.Polizei und Staatsanwaltschaft ließen ihn bei einer fingierten Geldübergabe in eine Falle laufen.Er hatte nach Justizangaben 5000 Mark in präparierten Scheinen in der Hand.Der Fall gilt als "Durchbruch" in der Korruption: Der erste Bestechungsverdacht gegen einen Richter.In der Berliner Justiz wurde der Fall gestern mit Galgenhumor betrachtet: "Die letzte Bastion ist gefallen".Wildanger ist seit acht Jahren ehrenamtlicher Richter bei einer Kammer für Handelssachen.Solche Kammern sind für Streitigkeiten zwischen Kaufleuten zuständig.Eine derartige Verhandlung über eine Provisionsforderung von 755.000 Mark hatte am 21.Januar vor dem Landgericht stattgefunden.Anschließend soll Wildanger den Beklagten angerufen und Geld für eine Beeinflussung des Rechtsstreits gefordert haben.In einem zweiten Telefonat habe er 5000 Mark als "Vorschuß", für den Fall eines günstigen Prozeßausgangs 100.000 Mark gefordert. Der Kaufmann, an den sich das Angebot richtete, wandte sich an seinen Anwalt, der schickte ihn umgehend zur Staatsanwaltschaft.Die Geldübergabe wurde vereinbart.Kaum hatte Wildanger das Geld am Mittwoch gegen 18 Uhr in seinen Geschäftsräumen an der Knesebeckstraße in der Hand, kamen die Beamten in den Raum. Das Geld wird in solchen Fällen präpariert.Wer es anfaßt, steht mit unleugbaren Spuren da.Die Staatsanwaltschaft ließ inzwischen auch die Räume Wildangers durchsuchen, seine Konten werden auf "unklare Geldzuflüsse" überprüft.Es steht der Verdacht im Raum, daß es andere Fälle gegeben hat.Wildanger selbst hat Reiff zufolge in den Vernehmungen vom "ersten Mal" gesprochen und die Bestechung zugegeben, aber behauptet, der Kaufmann habe ihn angestiftet.Das gilt bei der Staatsanwaltschaft als unglaubwürdig.Der Kaufmann hatte den Fall selbst ohne äußeren Anstoß aufgedeckt. Gestern nachmittag wurde Haftbefehl gegen Wildanger erlassen.Die Staatsanwaltschaft erwägt inzwischen auch, die Akten der Wildanger-Kammer nach "Auffälligkeiten" durchzusehen.Der Frage an die Kammer, ob der Immobilienmakler sich womöglich für bestimmte Prozeßparteien auffällig eingesetzt hat, steht aber das richterliche Beratungsgeheimnis entgegen. Erschüttert über den Vorwurf zeigte sich der 1.Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Makler (VDM) Alexander M.Rainoff."Es ist traurig, daß ein Vorstandsmitglied eines derart renommierten und alten Maklerverbandes mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird", sagte Rainoff dem Tagesspiegel."Ich bin entsetzt." Der Schaden für die ganze Branche sei nicht abzusehen.Nach Ansicht des VDM-Vorsitzenden Rainoff sollte Wildanger nicht nur sein Vorstandsmandat, sondern auch seine Makler-Zulassung freiwillig abgeben, unabhängig davon, ob sich die Vorwürfe gegen ihn bestätigen oder nicht.Die Zuverlässigkeit Wildangers sei nicht mehr gewährleistet, sagte Rainoff weiter.Die Firma Wildangers und der RDM waren bis Redaktionsschluß zu keiner Stellungnahme bereit. Stichwort: Kaufmann als Richter Für Rechtsstreitigkeiten vor allem von Kaufleuten kann an Landgerichten eine Kammer für Handelssachen eingerichtet werden.Sie tritt auf Antrag an die Stelle der normalen Zivilkammer.Ein Richter des Landgerichts als Vorsitzender und zwei ehrenamtliche Richter bilden die Besetzung.Diese werden auf Vorschlag der Industrie- und Handelskammer ernannt.Bedingung: Eintragung als Kaufmann, Vorstandsmitglied oder Geschäftsführer im Handelsregister.Alle drei Richter haben gleiches Stimmrecht.Also im Extremfall: Zwei korrupte ehrenamtliche könnten den Berufsrichter überstimmen. Portrait: Olympia-Sponsor und Logen-Chef"Unsere Kompetenz ist Ihr Kapital": Mit diesem Slogan wirbt die Immobilienfirma des festgenommenen 50jährigen Herbert Wildanger im Berliner Branchenbuch.Der Berliner Makler gehört nach Auskunft des Ringes Deutscher Makler (RDM) zu den größeren Büros in der Stadt.Ehrenamtlich ist Wildanger seit Jahren im Vorstand des RDM.Außerdem ist er Ausbildungsreferent des Maklerverbandes.In der Vergangenheit war er durch Sanierungskonzepte für den maroden Bezirk Kreuzberg ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.Nach dem Fall der Mauer engagierte er sich auch in den östlichen Bezirken.Der ehemalige Olympia-Sponsor und "Stuhlmeister" der Loge "Zu den drei Seraphim" in der Heerstraße kam schon einmal vor drei Jahren in Konflikt mit der Justiz.In seinem Wagen fanden Polizisten einen Revolver, den sich der Unternehmer aus Angst vor Übergriffen aus der Autonomen-Szene zugelegt hatte.Gegen die Zahlung von 8000 Mark wurde das Verfahren damals eingestellt.Sollten sich die Vorwürfe gegen ihn bestätigen, droht dem ehrenamtlichen Richter eine Haftstrafe zwischen einem und zehn Jahren.

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