Ehrenamtliches Engagement : Berlin ist die Stadt der Helfer

Die Bereitschaft der Menschen anzupacken, hält die Stadt zusammen. Berlin muss diese Kultur weiterentwickeln. Ein Kommentar zum Aktionstag "Gemeinsame Sache".

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Aktionstag "Gemeinsame Sache", Projekt: Schön wie wir. Anna Hermanns (r.) und Cordula Simon in Neukölln.
Aktionstag "Gemeinsame Sache", Projekt: Schön wie wir. Anna Hermanns (r.) und Cordula Simon in Neukölln.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Was hält eine Gesellschaft zusammen? Im Lärm des Volksentscheids über den Flughafen Tegel und zwischen all den plakativen Versprechen im Bundestagswahlkampf geht leicht unter, dass dieses Land nicht den Parteien gehört.

Unser Staatswesen, hat der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde in den 70er Jahren formuliert, beruht auf Voraussetzungen, die er nicht erzwingen kann – es ist zur Legitimierung auf die demokratische Gesinnung der Menschen angewiesen. Über die Wahlen hinaus ist deshalb die Mitwirkung der Menschen am Gemeinwesen unverzichtbar.

Das gilt erst recht in Zeiten, in denen selbst die Linke Abschied genommen hat von der Vorstellung eines allseits behütenden Sozialstaats. Berlin hat es in der Flüchtlingskrise 2015 erlebt, als die Verwaltung beschämend versagte und nur der beeindruckende Einsatz der Freiwilligen den Geflüchteten jene humanitäre Zuwendung zukommen ließ, die man selbstverständlich in einer entwickelten Industrienation erwarten darf.

Der Aktionstag zeigt die Vielfalt des Ehrenamts

Die tausende Menschen, die beim Aktionstag "Gemeinsame Sache" in allen Bezirken Berlins unterwegs sind, zeigen die Vielfalt des Ehrenamts. Ihr Einsatz für Ältere, für Geflüchtete und für lebenswerte Kieze ist eine unübersehbare Demonstration des verantwortungsbewussten Stadtbürgers. Es ist zugleich auch eine Form der Legitimierung unseres demokratischen Staatswesens. Die 250 Initiativen, Vereine, Schulen oder Kirchengemeinden, die beim Aktionstag mitmachen, stehen für eine Republik der Freiwilligen.

Freiheitliche Ordnung benötigt einen Gemeinsinn. Die gelebte Verantwortung, die Bereitschaft der Menschen, ehrenamtlich dort anzupacken, wo es not tut, dient der Stadt und hält sie im Innersten zusammen. Rund 850.000 Berliner engagieren sich regelmäßig – sie geben Schülern Nachhilfe, kümmern sich um Blinde oder Senioren, erleichtern Häftlingen die Wiedereingliederung, unterstützen Pflegebedürftige oder helfen in Flüchtlingsheimen.

Mehr als 30 Millionen Freiwillige sind es in der Bundesrepublik, sagt das Bundesfamilienministerium; und die Zahl steigt weiter deutlich. Dass sich immer mehr Menschen freiwillig einbringen, ist deswegen auch ein Volksentscheid für eine mitfühlende Republik.

Es muss leichter werden, sich zu engagieren

Die gelebte Kultur der Hilfsbereitschaft, die dazu beiträgt, dass lebendige Nachbarschaften entstehen, die Kieze lebenswerter machen und aus Fremden Nachbarn, oder dort Nöte gelindert werden, wo der Staat überfordert ist, kann aber nicht bedingungslos sein – oder gar ignoriert werden. Absurd sind etwa Kahlschlageinsätze gegen gemeinschaftlich bepflanzte Baumscheiben wie in Pankow – während das Bepflanzen in Neukölln ausdrücklich propagiert wird.

Der Aktionstag "Gemeinsame Sache", der jene Helfer würdigen und ins Licht stellen will als Berlins gute Gesellschaft, kann nur ein Baustein einer gewachsenen Anerkennungskultur sein. Das Land Berlin ist in der Pflicht, seinerseits alles zu tun, damit sich die Ehrenamtskultur weiter entwickeln kann.

Dazu gehört auch, es den Menschen zu erleichtern, sich zu engagieren, und den Initiativen und sozialen Trägern die notwendigen Mittel bereitzustellen. Gerade in einer schnell wachsenden Stadt wie Berlin ist das freiwillige Engagement ein unverzichtbares Element, um zur sozialen Integration der Neuankömmlinge beizutragen. Das Ehrenamt ist eine ganz persönliche Sache. Den Ertrag aber hat die ganze Stadt.

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