Berlin : Ehrenrettung für den Chardonnay

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Zeitgeistler, bitte weiterblättern: Es gibt heute schon wieder Chardonnay. Aber was soll man machen, wenn das bislang so verrufene Zeug plötzlich überall wieder richtig gemacht wird – also mit geschliffener Säure und ohne aufdringlichen Holzgeschmack? Die Anti-Chardonnay-Liga freilich würde einen Wein wie den Wild Trout schon wegen des Etiketts liegen lassen. Australien! Fischwein! würde es heißen. Doch dieser Wein kommt aus Frankreich und hat die Übersee-Ausstrahlung nur deshalb, weil Mark und Michael Goundrey, die Macher der Wildforelle, dort rund 500 Hektar Weinberge bewirtschaften. Wie so vielen „Flying winemakers“ wurde es ihnen immer im April nach der Ernte langweilig. Als eine große französische Weinhandelsgesellschaft sie bat, bei der Modernisierung der Massenweine des Languedoc-Roussillon zu helfen, griffen sie zu, verkauften ihre Ländereien in Australien und begannen mit Weinbauern in ihrer südfranzösischen Heimat zusammenzuarbeiten, von denen sie nun ihre Trauben beziehen, die sie dann - von August bis Oktober - vinifizieren. Das Resultat sind preisgünstige Weine französischen Charakters mit einem australischen Touch wie der Wild Trout, eine Cuvée aus Chardonnay und der in Südfrankreich heimischen Marsanne - ein voller, würziger, aber nicht mächtiger Wein mit attraktiven exotischen Aromen, der Geflügel und Fisch mit sahnigen Saucen ideal begleitet und auch zur Thai- oder China-Küche gut passt. Die Flasche des Jahrgangs 2001 kostet 6,90 € bei Vineyard, Salzufer 13-14 in Charlottenburg.

Eine Enklave mit stets zuverlässigen Chardonnay-Weinen ist Südtirol, das Land mit den vielen unterschiedlichen Mikroklimazonen, das auf nur rund 5000 Hektar Rebfläche vielen Sorten ideale Bedingungen bietet. eine Besonderheit ist auch die Betriebsstruktur der Region: 16 Genossenschaftskellereien verarbeiten drei Viertel der gesamten anfallenden Traubenmenge. Als eine der besten gilt die Cantina Colterenzio (deutsch: Schreckbichl), die von ihrem langjährigen Chef Luis Raifer auf kompromisslosen Qualitätskurs geführt wurde. Die teuren Weine der Linien Cornell und Lafoa sind auf die Drei-Gläser-Wertung des Gambero Rosso abonniert, aber die Praedium-Linie ein Stück drunter schneidet kaum weniger erfolgreich ab. So wurde der 2000er Praedium Chardonnay aus der Lage Pinay in dem renommierten Führer mit zwei sehr verdienten Gläsern bedacht - ein opulenter, geschmeidiger Wein mit Saft und Kraft. Der Ausbau im großen Holzfass statt im Barrique gab ihm eine nur sanfte, kaum merkliche Holznote, und der Verzicht auf den biologischen Säureabbau hat Frische und Eleganz erhalten; die für den klassischen Chardonnay typischen Butter- und Gewürznoten kommen deshalb perfekt zur Geltung. Angesichts dieser Qualität darf der Preis von 11 € als ausgesprochen günstig gelten. Zu haben ist dieser Wein bei der Wein & Glas Compagnie in der Prinzregentenstraße 2 in Wilmersdorf. Bernd Matthies

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