EHRENSACHE : Engagement mit Suchtfaktor

Mit 15 hörte sie zum ersten Mal von „Teenex“, einem Verein, der junge Leute wegbringt von Drogen. Seither arbeitet Anne Heinemann aus Überzeugung für die Initiative. Das Ehrenamt hat ihren Blick auf die Gesellschaft verändert

Patricia Hecht

Die Sache mit den Drogen fing bei Anne Heinemann aus reiner Neugier an. Im Unterschied zu vielen anderen Jugendlichen interessierte sie sich allerdings weniger für das Ausprobieren von Tabletten, Joints und Spritzen. Sie wollte wissen, wie man das Ausprobieren verhindern kann. Als sie 15 Jahre alt war, hörte die Berlinerin zum ersten Mal von den Camps des Vereins Teenex, der Jugendliche stärken will, damit sie nicht anfällig werden für Drogen. „Das Camp klang spannend“, sagt Anne Heinemann, „also fuhr ich mit“. Die junge Frau ist heute 27 Jahre alt.

Sechs Tage verbrachte sie mit Gleichaltrigen an einem See in Brandenburg, es wurde viel gesprochen, herumgealbert und Rollenspiele eingeübt. Bis zu diesem Zeitpunkt, sagt sie, habe sie mal an einem Joint gezogen oder ein Glas Sekt getrunken. Damit war nun Schluss: Sie brach mit ihrem Freundeskreis, in dem Cannabis oder auch Ecstasy zum Alltag gehörten wie Chips und Kaugummi. Im folgenden Jahr fuhr sie als Gruppenleiterin mit zum Camp.

Nach und nach baute sie den Verein Teenex mit auf. Vor fünf Jahren wurde sie zum Vorstandsmitglied gewählt, sie ist die Jüngste in der Runde. Davon leben kann sie nicht, die Arbeit ist ehrenamtlich. „Ich habe Teenex wachsen sehen“, sagt Anne Heinemann. „Und ich bin damit erwachsen geworden.“

Wie eine Jugendliche wirkt sie trotzdem, wie sie da in dem großen Sofa in den Vereinsräumen von Teenex versinkt. „Ich bin jung geblieben und albern“, sagt sie und lacht Zweifel schnell weg. Aber sie erzählt sehr klar und bestimmt von den Erfahrungen, die sie während ihres mehr als zehnjährigen Engagements bei Teenex gemacht hat. Sie habe überwiegend positive Erlebnisse gehabt. Sie habe Gleichaltrige zum Nachdenken gebracht, sich aufgehoben gefühlt und Freunde gefunden. Über Drogen selbst werde in den Camps selten gesprochen: „Suchtprävention bedeutet, Alternativen anzubieten“, sagt Heinemann.

Mittlerweile haben mehr als 1000 Jugendliche, die meisten waren zwischen 15 und 17 Jahren alt, bei den Teenex-Camps mitgemacht. Nicht alle ließen sich dadurch von ihrem Weg in die Drogenszene abbringen. „Ich hatte auch schon Kontakt mit Leuten, die wegen harter Drogen wie Heroin in die Therapie kamen“, sagt Heinemann. In solchen Fällen fühle sie sich ohnmächtig. Das sei einer der Gründe, warum sie aus ihrem Ehrenamt keine Profession machen wolle. Zum Beruf macht sie gerade ihre zweite Leidenschaft neben Teenex: die Musik. Nach dem Studium der Musikwirtschaft in Liverpool arbeitet sie nun als Trainee bei der Plattenfirma Universal.

Ihr Haar kaschiert eine Tätowierung hinter dem rechten Ohr, ein kleines Schriftzeichen, das auf Japanisch „Musik“ bedeutet. Damien Rice, Jack Johnson, auch Neil Young höre sie gern – und natürlich die Beatles und die Rolling Stones. Sie singt auch selbst, „aber für die Bühne hat es nicht gereicht“, sagt sie und seufzt. Ihr Lieblingszitat stammt von dem Philosophen Friedrich Nietzsche: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Und kann sie sich ein Leben ohne Teenex noch vorstellen? „Teenex ist ein Teil von mir“, sagt sie. Ihr Blick auf die Gesellschaft habe sich durch ihre Arbeit in dem Verein verändert. „Ich will das nicht dramatisieren“, sagt sie, „aber ich kann nicht sagen, wie weit ich selbst mit den Drogen gegangen wäre, wenn ich Teenex nicht kennengelernt hätte.“ Seit ihrem ersten Camp hatte sie für Jahre alles, was abhängig machen könnte, aus ihrem Leben verbannt. „Ich bin die ganz strenge Schiene gefahren“, sagt sie, „und habe Alkohol noch nicht mal in Pralinen oder im Essen akzeptiert.“ Mittlerweile trinke sie hin und wieder mal ein Glas, aber eher aus Höflichkeit. Alkohol schmeckt ihr eigentlich gar nicht.

Infos im Internet unter: www.teenex.de

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