Berlin : Ehrung für ein Opfer des 17. Juni

Erste Straße wird nach Mutigem von 1953 benannt

Lothar Heinke

Siegfried Berger, nach dem heute um 14 Uhr die Straße 244 im Köpenicker Ortsteil Wendenschloss benannt wird, muss ein mutiger, politisch motivierter und standhafter Mensch gewesen sein.

Er ist 35 Jahre alt, als ihn seine Kollegen vom RFT-Funkwerk Köpenick auffordern, eine Belegschaftsversammlung zu leiten. Es ist der Morgen des 17. Juni 1953. Die Stimmung ist aufgeladen, fast revolutionär. 2000 Funkwerker unterbrechen ihre Produktion, beschließen, zu streiken und in die Stadtmitte „zur Regierung“ zu marschieren. Berger als Versammlungsleiter formuliert drei Ziele und lässt darüber abstimmen. Erstens: Rücktritt der Regierung. Zweitens: freie und geheime Wahlen. Drittens: Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands. Berger marschiert in der ersten Reihe, sie rufen: „Ulbricht, Pieck und Grotewohl – dass euch drei der Teufel hol.“

Dann wird der Zug auf der Warschauer Straße aufgehalten, seit 13 Uhr gilt der Ausnahmezustand. „Hier kam uns eine größere Zahl von Volkspolizisten mit ihren Gewehren im Anschlag entgegen“, schreibt er später. „Als die Polizisten uns ihre Gewehrläufe auf die Brust drückten und riefen: ,Zurück, oder wir schießen!’, kam der Zug langsam zum Halten. Langsam bewegte sich die Masse hinter uns zurück. Als die Entfernung zur Polizistenkette etwa gut 50 m betrug, schossen sie doch. Wir hatten etwa drei bis fünf Verletzte, die wir alle mit in den Westsektor nehmen konnten.“

Berger geht nach Hause und wird am 20. Juni abgeholt. Die Staatsmacht verübelt ihm, dass er nicht wie einst sein Vater in die KPD, sondern in die SPD eingetreten war. Seine Begründung: „Ich wollte keiner neuen Diktatur dienen.“ Er wohnte im Römerweg 40 in Karlshorst, arbeitete in Köpenick, war Mitglied der SPD in Neukölln. Berger wird, wie es im Urteil eines sowjetischen Militärtribunals heißt, „wegen Antisowjethetze“ und „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ zu sieben Jahren Arbeitslager verurteilt. Er schreibt unter das Papier: „Ich nehme das Urteil nicht an.“

Im Jahre 1955 wird er aus dem berüchtigten Arbeitslager Workuta nach einer Intervention der Bundesregierung entlassen und 1996 von den russischen Behörden als „Opfer politischer Repression“ rehabilitiert. Siegfried Berger lebte danach in Hamburg und Kiel, wo er heute vor fünf Jahren starb. Mit der Zeremonie in Köpenick wird zum ersten Mal eine Berliner Straße nach einem Opfer des 17. Juni benannt – mehr als 53 Jahre nach dem historischen Aufstand.

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