EICHWALD & Ich FOLGE  12 : Etwas fürs Herz

Aus meinem WG-Leben mit einem Bundestagsabgeordneten.

Stefan Stuckmann

„Ist dir eigentlich bewusst“, fragt Eichwald und setzt sich mir gegenüber an den Küchentisch, „dass das hier mit uns jeden Moment vorbei sein könnte?“

„Was?“, frage ich. „Bestellst du dir jetzt doch so eine Russin im Internet?“

„Ich hab dir gesagt, das ist von allein aufgepoppt, die wollen mir was anhängen im Internet.“ Eichwald legt eine Broschüre auf den Tisch. „Nein, hier: Deutscher Herzbericht 2013. Lag auf der Arbeit rum. Und jetzt: Von 100 000 Berlinern sterben im Jahr 185 an Herzklabaster!“

„Wusstest du Folgendes?“, sage ich. „Wenn man alle Herzinfarkttoten Berlins in einer Reihe hintereinanderlegt, hat man als Kind zu wenig Freunde gehabt.“

Eichwald schüttelt den Kopf.

„Ich meine ja nur“, sage ich, „wird da statistisch gesehen nicht eher ein Zimmer mehr frei für mich?“

„Ach!“, winkt Eichwald ab. „Ich bin vielleicht fünfzehn Jahre älter als du ...“

„Dreißig.“

„… aber du glaubst gar nicht, wie entspannt das früher war, ohne iPhones und Ebay.“ Eichwald schaut mich an. „Da sind wir herzmuskelmäßig vermutlich fast auf Augenhöhe, also ...“ Er kramt eine Plastiktüte hervor. „Auf jeden Fall habe ich hier die Notfallkarte für deine Brieftasche, das Faltblatt ,Herzinfarkt-Notzeichen‘ und noch eins zum Thema, äh ...“

„Wenn die Person nicht auf lautes Zurufen, Zwicken oder Kneifen reagiert ...“, lese ich vor. „Soll ich jetzt jeden Abend den Notarzt rufen?“

„Stefan, das wird ja wohl ersichtlich sein, ob ich ein medizinisches Problem habe oder einfach nur einen langen Tag.“

„Blasse, fahle Gesichtsfarbe, kalter Schweiß ...“, lese ich weiter. Ich schaue Eichwald an.

„Mann, da war ich zu warm angezogen und bin beim Lüften eingenickt. Und wir hatten mittags Sushi geholt, aber das Billige, vom Dönermann.“ Er nimmt mir die Karte ab. „War ja nur ein Angebot. Aber beschwer dich nicht, wenn du demnächst dastehst mit kaltem Schweiß und Schmerzen in der Brust und ‚Herzinfarktsymptome‘ nicht mehr rechtzeitig googeln kannst, weil deine Arme schon blau sind.“

„Wenn du dir so viele Sorgen machst, dann kauf doch so ’nen Defibrillator und häng den neben dem Kühlschrank auf.“

„Ja, gut“, sagt Eichwald. „Aber wir benutzen den Sandwichmaker ja schon kaum.“ Er denkt kurz nach. „Außerdem hab ich mir jetzt so einen Schrittzähler gekauft, damit lauf ich jetzt jeden Tag weiter raus aus der Risikogruppe.“

„Und, wie viel hast du schon?“

„Warte ...“ Eichwald durchsucht seine Hosentaschen. „Verdammt. Ich hab im Aufzug Kopfstand gemacht, da muss der mir aus der Tasche ...“

„Du hast was?“

„Wegen der Durchblutung. Und um zu sehen, ob ich’s noch kann.“

„Und?“

Eichwald zieht den Ärmel hoch. „Ja“, sagt er. „Ist, glaube ich, nur geprellt.“

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