EICHWALD & Ich FOLGE 5 : Madiba, diba, du

Aus meinem WG-Leben mit einem Bundestagsabgeordneten.

Stefan Stuckmann

Ich sitze gerade am Küchentisch und versuche mit reiner Gedankenkraft die Zeiger der Uhr drei Stunden zurückzustellen, als sich plötzlich mein Müsli bewegt. „Schau mal“, sagt Eichwald, der mit einem geöffneten Fotoalbum meine Schüssel beiseiteschiebt. „Das bin ich, ’99“, sagt er, „mit Nelson Mandela.“ – „Wo?“, frage ich und tauche mit ausgestrecktem Arm meinen Löffel in die Dinkelpops. „Jetzt lass doch mal!“, ruft Eichwald. „Das schwappt doch nur wieder!“ – „Ja, ja, ist ja gut“, sage ich, „und wo ist jetzt der Mandela?“ Eichwald beugt sich an mir vorbei über ein Foto, das ihn in einem Saal inmitten einer Menschenmenge zeigt.

„Na hier, deshalb hab ich doch da den Zeigefinger gemacht: wo ich hinzeige, und dann noch mal zwei Zentimeter weiter oben, der schwarze Punkt, das ist er. Das hat der Schulz verkackt aus dem Auswärtigen, damals. Ich hab drei Mal gefragt, ob das hinhaut perspektivisch! Na ja, und ist halt von hinten.“ Eichwald schaut mich an. „Aber die Aura!“, sagt er und streicht langsam mit der Hand durch die Luft. Ich nicke.

„Und das hier“, sagt Eichwald und zeigt auf einen Kellner, „ist seine Frau. Aber da stand ein Kellner davor.“ – „Und das in deiner anderen Hand ist ein Glas mit Salzstangen?“, frage ich. Eichwald zieht mir das Fotoalbum weg. „Darum geht’s doch gar nicht!“, sagt er. „Und stehen lassen wär' doch unhygienisch!“ Ich schaue ihn an. „Ja, weil da jeder reingreifen kann sonst!“

„Und das ist das Gleiche, was die immer mit den nackten Frauen machen?“, fragt Eichwald, als wir später sein Foto für den Facebook-Upload retuschieren. „Also, prinzipiell ...“, sage ich. „Wobei der Ausgangspunkt natürlich ein anderer ...“ – „Ja, oder ist das doof mit Mandela?“, unterbricht er mich. „Weil: Ich will mich da ja auch nicht dranhängen jetzt. Also von der Lebensleistung her.“ – „Hast du denn einen Afrikabezug?“ Eichwald schaut zur Decke.

„Hier“, sagt er schließlich, „der Katze Zumdick. Der hat 14 Jahre beim VfL Bochum gespielt und war dann Trainer bei Asante Kotoko. Und dann Ghana. Der war mein Wahlkreis! Also, fast: ’84 ist der umgezogen. Aber wir kennen uns vom Sehen.“ – „Und du meinst, weil Ghana praktisch gleich um die Ecke ist von Südafrika ...“ Eichwald schüttelt den Kopf. „Mann, die haben doch“, sagt er, „einen ganz anderen Sinn für Entfernungen da unten. Das kannst du von Zentraleuropa aus gar nicht vergleichbar einordnen.“ Eichwald betrachtet das Foto.

„So“, sagt er, „und was schreiben wir jetzt drunter? Gibt’s irgendwelche Sinnsprüche zu Afrika?“ Er schaut mich an. „Hier“, sage ich, „ich kenne nur dieses Vorwärtsrückwärtsding: Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.“ Eichwald hebt die Hände und geht einen Schritt zurück. „Ohoho“, sagt er, „das ist jetzt aber rassistisch. Stefan, da sagt man natürlich Schwarzafrikaner!“

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