Berlin : Eiertanz ums Osterfeuer

Behörde und Kirche zanken sich zum Fest

Thomas Lackmann

Das „Exsultet“ der Osternacht ist das berühmteste Gebet der abendländischen Liturgie. Es vermittelt über gregorianische Melodik und orientalisch sprudelnde Poesie geheimnisvolles Pathos. „Frohlocket, ihr seligen Chöre der Engel“, beginnt der deutsche Text den Überflug durchs biblische Erlösungsdrama: „Dies ist die Nacht, in der du unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit und auf trockenem Pfad durch die Fluten des Roten Meeres geführt hast...“. Der Hymnus zitiert dialektische Theologie, das provozierende „felix culpa“-Paradox: „O glückselige Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“ Rituelle Details werden gedeutet: das Christus-Symbol der Osterkerze und das goldschimmernde Feuer, „rutilans ignis“, an dem jene sich entzündet. Gedichtet wurde das Hochgebet im 7. Jahrhundert; Sie können es auf Latein im Internet hören (www.catholic-church.org/ao/exsultet.html).

Auch heute, in der evangelischen St. Matthäus-Kirche, wird das „Exsultet“ erklingen. Zuvor soll gegen 22 Uhr auf dem Vorplatz das Osterfeuer entzündet werden. Solche urigen Bräuche wurden im 20. Jahrhundert wiederbelebt, selbst bei Protestanten. Katholische Osterfeuer verbrennen Palmzweige vom Palmsonntag; ganz so bedeutsam kommt reformatorisches Zündeln nicht daher. Gleichwohl ist die Verbindung altheidnischen Frühlingszaubers mit christlicher Licht-Botschaft zu erkennen. Das Christentum versteht es, konkurrierende Religionen und unterschiedliche Kulturen zu absorbieren.

Die pyrotechnische Genehmigung ist durch Pfarrer Christhard-Georg Neubert von St. Matthäus am 9. März beim Bezirksamt Mitte, Abteilung Stadtentwicklung, beantragt worden: mit der Erwähnung, dass der betreffende Nachtgottesdienst zu einem Osterfest rund ums Kulturforum gehöre, an dem das Deutsche Symphonie Orchester und die Staatlichen Museen beteiligt sind. Der Ablehnungsbescheid des Straßen- und Grünflächenamtes erfolgte drei Tage vor Festivalstart, am 10. April. Neben Hinweisen auf Risiken und die fatale „Vorbildwirkung“ argumentierte das Amt, es sehe „keine Notwendigkeit für die Durchführung des Osterfeuers aus traditionellen christlichen Gründen, da diese Feuer ursprünglich nicht-christlichen Quellen entsprangen und zumindest auch im Land Berlin nicht üblich sind...“

Ostern ist das Trotzdem-Fest, drum gibt’s ein Happyend. Auf den durch Pfarrer Neubert eingelegten Widerspruch lenkte der Bezirk vorgestern, im Telefonat mit der Kirchenleitung, ein: Unter Auflagen werde das Verbot zurückgezogen. Schriftlich lag die Amtserlaubnis dem Pfarrer bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Offen bleiben ernste politische Fragen. Hat die Behörde Internet-Anschluss? Wer könnte dort „rutilans ignis“ übersetzen? Beansprucht das Department Stadtentwicklung auch sonst Deutungshoheit bei der Definition des genuin Christlichen, wie versteht das Grünflächenamt die Trennung von Kirche und Staat? Sind bürokratische Eiertänze die üblichen Osterbräuche im Land Berlin? O glückselige Sachbearbeiter, jetzt lodert das Feuer um so goldener: Nicht nur Heils-, auch Weltgeschichte verläuft ja dialektisch. In Widersprüchen! Was zu beweisen war.

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