Berlin : „Eigentlich bin ich gar nichts“

Sie sind hier aufgewachsen, Berlin ist ihre Heimat. Ihre Zukunft ist ungewiss. Fünf Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien erzählen

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Aufenthaltsgenehmigung und Asylrecht – diese Begriffe kannten Hassan Akkouch, Hayriye und Meryem Aydin, Osman und Amine Tekin schon als Kinder. Sie sind hier geboren oder als kleine Kinder eingereist und in Berlin aufgewachsen. Jetzt sind sie zwischen 17 und 24 Jahre alt, ihr Alltag dreht sich noch immer um Abschiebung. Der gerade von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) erlassene Abschiebestopp hat für sie keine Bedeutung. Hassan, Hayriye und Meryem dürfen wahrscheinlich hier bleiben, jedoch ohne ihre Familien. Osman hat gerade überraschend eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr bekommen. Seine Schwester soll aber weiterhin abgeschoben werden, obwohl ihr Fall ähnlich liegt wie Osmans.

Die Asylgeschichten ihrer Eltern sind sehr kompliziert und haben dunkle Stellen: Die Aydins und die Tekins hatten falsche Namen angegeben. Die Kinder jedoch erfuhren erst davon, als die Polizei vor der Tür stand. Hassans Familie wurde vor drei Jahren schon einmal in ihre Heimat Libanon abgeschoben und kam heimlich zurück.

Trotz der Schwierigkeiten haben die Jugendlichen bisher recht erfolgreiche Wege zurückgelegt. Der 17-jährige Hassan hat die Realschule absolviert. Der 18-jährige Osman ebenfalls, jetzt macht er eine Ausbildung zum Tischler. Außerdem kümmern sich die beiden Jungen um Kinder in einem Neuköllner Jugendzentrum. Osman gibt Nachhilfe in Deutsch und Mathe, Hassan unterrichtet Breakdance. Die 17-jährige Kurdin Hayriye Aydin hat gerade den Hauptschulabschluss bestanden. Als Dank für ihr Engagement gegen Antisemitismus wurde sie von Bundespräsident Horst Köhler ins Schloss Bellevue eingeladen. Hayriyes Schwester, die 19-jährige Meryem, macht demnächst den Realschulabschluss.

Habt ihr das Gefühl, hier dazuzugehören?

Hassan: Nein. Obwohl es einem niemand ins Gesicht sagt. Als ich auf die Oberschule gekommen bin, habe ich zum ersten Mal mitbekommen, dass mit unseren Papieren etwas nicht in Ordnung ist. Dass ich einen anderen Status habe als die anderen und nur geduldet bin.

Osman: So war das auch bei mir. Zeig mal deinen Pass, hieß es in der Schule. Dann musste ich stattdessen die Duldung vorlegen – ein Din-A-4-Blatt, auf das irgendwie ein Foto geklatscht ist. Die Lehrer und Sekretärinnen wussten nicht genau, was sie damit anfangen sollen. Ich musste ihnen erklären, dass ich abgeschoben werden sollte.

Seit wann habt ihr Angst, abgeschoben zu werden?

Osman: Seit ich 16 bin. Da kam die Polizei zu uns nach Hause, sagte, dass mein Name nicht stimmt und dass ich abgeschoben werden soll. Ich wusste danach nicht mehr genau, was und wer ich eigentlich bin. Meine Eltern haben etwas ganz anderes erzählt als die Ausländerbehörde.

Meryem: 1996 sind wir abgeholt worden von der Polizei. Die ganze Familie musste in eine Abschiebezelle. Wir Kinder wussten gar nicht, was los ist und was als Nächstes passiert. Da ist mir richtig klar geworden, dass wir uns nicht sicher fühlen können.

Was ist in eurem Leben anders?

Osman: Meine Freunde haben draußen Fußball gespielt, und ich war nur mit meinen Papieren beschäftigt, um die Abschiebung zu verhindern. Ich habe gegrübelt. Man wird doch nur krank bei der Sache. Man lässt den Kopf hängen. Man wird geistig und körperlich unter Druck gesetzt. Man hat keine Lust mehr auf die Welt. Und man wird von Behörde zu Behörde geschickt.

Hassan: Einmal mussten wir in der Fastenzeit acht Stunden bei der Ausländerbehörde warten. So lange hätten wir eigentlich nicht fasten müssen, aber wir hatten nichts zu essen mit, weil wir nicht gedacht haben, dass es so lange dauert. Die Abschiebung 2003 hat bei meiner Mutter Epilepsie ausgelöst. Meine Schwester hat Bulimie bekommen. Mein kleiner Bruder hat sich während der Abschiebung ständig übergeben.

Was bedeutet für euch Heimat?

Hayriye: Ich habe mich schon oft gefragt: Wo fühle ich mich wohl? Und mir vorgestellt, wie es da wäre, in diesem Land da, und wie es hier ist.

Meryem: Und wo du eine Zukunft hast.

Und wo ist das?

Hayriye: Auf jeden Fall hier.

Obwohl es schwierig ist.

Hayriye, Ja, genau. Ich habe das Gefühl, dass Deutschland meine Heimat ist.

Hassan: So sehe ich das auch. Libanon ist zwar mein Herkunftsland, wo auch Verwandte wohnen, aber hier bin ich aufgewachsen. Hier habe ich alles Wichtige in meinem Leben erlebt. Ich kenne es doch gar nicht anders.

Was bedeutet für dich Heimat?

Hassan: Heimat ist da, wo die Freunde sind. Dort, wo man sich auskennt. Wo man aufgewachsen ist. Ich kann doch nicht sagen, meine Heimat ist Libanon! Da war ich gerade zwei Mal, insgesamt sechs Wochen.

Osman: Man sagt, dass ich Türke bin. Eigentlich komme ich aus dem Libanon. Aber ich habe zu beiden Ländern keinen Bezug und war noch nie dort. Ich habe mein ganzes Leben in Berlin verbracht.

Hast du das Gefühl, Deutscher zu sein?

Osman: Eigentlich nicht. Eigentlich bin ich gar nichts.

Welche Sprache ist wichtig für euch?

Hassan: Deutsch. Arabisch kann ich weder lesen noch schreiben. Ich habe auch noch nie auf Arabisch geträumt.

Sprecht ihr zu Hause kein Arabisch?

Hassan: Doch natürlich. „Gib mir mal den Tee“, würde ich zu Hause auf Arabisch sagen. Aber was Wirtschaft heißt, das weiß ich nicht.

Denkt ihr oft an die drohende Abschiebung?

Hassan: Ja. Man wird doch ständig daran erinnert. Beim Fernsehen zum Beispiel. Immer wenn ich einen Bericht über irgendeinen Krieg sehe. Oder wenn alle übers Reisen sprechen, nur ich kann nicht in den Urlaub fahren. Ich darf Berlin nicht verlassen, weil ich nur eine Duldung habe. Und das schon mein ganzes Leben.

Fühlt ihr euch noch in anderen Bereichen eingeschränkt?

Hayriye: Ja. Ich finde es frustrierend, dass wir nicht arbeiten dürfen. Wir sollen und wollen doch etwas zur Zukunft Deutschlands beitragen. Und dann heißt es immer: Die tun nichts, sind faul und leben von unserem Geld. Wie sollen wir denn etwas tun, wenn wir nicht arbeiten dürfen. Wir sind doch nicht dumm.

Osman: Man ist gezwungen, vom Jobcenter zu leben. Wenn man sich irgendwo bewerben will, wird man blöd angemacht. Ich habe so oft versucht, eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen, habe das aber nie geschafft. Dann habe ich Schwierigkeiten bei meinem Fach-Abi bekommen. Ich musste für das Fach Bautechnik auf der Baustelle arbeiten und hätte dafür eine Aufenthaltsgenehmigung gebraucht. Zuerst konnte ich sie hinhalten. Schließlich musste ich doch von der Schule abgehen.

Hassan: Auf der Duldung steht: Darf nicht studieren, darf nicht arbeiten. Führerschein fällt auch weg. Man kann kein Konto eröffnen. Man darf gar nichts. Man darf zur Schule gehen, das ist das Einzige.

Über jeden von euch ist schon in der Presse berichtet worden. Was für ein Gefühl ist es, in der Öffentlichkeit bekannt zu werden, weil man abgeschoben werden soll?

Hassan: Viele kennen mich jetzt, aber niemand wird mich fragen: Ey, bist du nicht der, der abgeschoben wird?

Hayriye: Mir hat es Mut gemacht, dass unsere Unterstützer dafür gesorgt haben, dass so viele Medien über meine Familie berichten.

Ihr engagiert euch sehr für Kinder und andere Jugendliche. Wie und warum?

Hassan: Bei uns in der Gegend gibt es viele mit ähnlichen Problemen. Ich sage ihnen immer wieder: Macht keinen Scheiß, das kommt sonst wieder alles zu euch zurück. Gerade in letzter Zeit wurden viele abgeschoben. Außerdem sind bei uns im Jugendzentrum immer noch so viele Journalisten wegen der Vorfälle an der Rütli-Schule. Die lassen die Kinder so viel Scheiß erzählen. Und wir müssen sie dann wieder aufbauen.

Osman: Die Kinder, denen ich Nachhilfe gebe, haben inzwischen schon bessere Zeugnisse. Ich hoffe, dass ich so bei einigen die Abschiebung verhindern kann.

Viele libanesische Kinder haben in der Familie nie erlebt, wie ein ganz normales Leben mit einem Arbeitsalltag funktioniert, weil die Bürgerkriegsflüchtlinge, die teilweise schon seit 20 Jahren in Berlin leben, nie eine Arbeitserlaubnis bekommen haben. Wie ist das bei euch?

Hassan: Meine Mutter versucht, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Mein Vater hat keine Arbeitserlaubnis. Aber meine Eltern haben immer gesagt: Sei gut in der Schule.

Osman: Ich bin eigentlich kein gutes Vorbild für meine kleinen Geschwister. Obwohl ich meinen Realschulabschluss gemacht und das Fach-Abi versucht habe. Sie haben gesehen, dass ich mich anstrenge, aber trotzdem abgeschoben werden sollte. Da fragen sie sich doch, warum sie sich noch Mühe geben sollen.

Wie habt ihr es trotzdem geschafft, Fuß zu fassen?

Hayriye: Ich habe den Ansporn, es besser zu machen als meine Eltern. Ich will einen anderen Weg gehen als sie und selbst für meine Zukunft verantwortlich sein. Eine Lehrerin hat immer an uns herumgenörgelt. Und gesagt, dass wir alle Schmarotzer sind und dass aus uns sowieso nichts wird. Viele hat sie damit bestimmt abgeschreckt, auf eigenen Füßen zu stehen. Ich will ihr das Gegenteil beweisen.

Hassan: Ich wollte immer Geld verdienen. Vor der ersten Abschiebung dachte ich aber noch, warum soll ich zur Schule gehen, ich werde doch sowieso abgeschoben. 2003 wurden wir dann abgeschoben und sind kurze Zeit später heimlich wieder zurückgekommen. Da bin ich sitzen geblieben und habe mir gesagt: Ab jetzt mache ich es besser.

Osman: Ich habe immer gehofft, dass ich bleiben darf, wenn ich mich nur genügend anstrenge.

Wollt ihr nicht manchmal lieber in einem Land leben, in dem ihr nicht als Ausländer geltet?

Amine: Aber wir sind doch auch in den Ländern, in die man uns abschieben will, Ausländer.

Hassan: Im Libanon sagen alle, der ist doch aus Deutschland. Hier bin ich integriert, im Libanon müsste ich mich erst einleben. Und das wäre nicht einfach, weil ich dort Analphabet bin. Es fehlt so viel. Das würde Jahre dauern. So lange wie wir hier gebraucht haben, um uns zu integrieren. Oder eher noch länger, weil wir jetzt keine Kinder mehr sind und nicht mehr so leicht lernen.

Gibt es etwas im Land eurer Eltern, das besser wäre als in Deutschland?

Amine: Meine Eltern erzählen nur, dass es dort keine Arbeit und kein Geld gibt. Und nicht genug zu essen.

Hayriye: Als Mädchen hätte ich dort doch gar keine Chance. Ich müsste sofort heiraten.

Ihr dürft Berlin nicht verlassen, bis ihr abgeschoben werdet. Was denkt ihr über die Stadt?

Osman: Ich glaube, in Berlin ist es viel schwieriger für Ayslbewerber als in anderen deutschen Städten. Weil es hier so viele Ausländer gibt. In anderen Städten haben sie eher Mitleid. Hier kannst du der Ausländerbehörde zeigen, dass du dich hundertprozentig integriert hast. Das reicht ihnen immer noch nicht. Ich weiß gar nicht, was die noch wollen. Wenn man eine Ausbildung macht, ehrenamtlich arbeitet und keine Straftaten begangen hat, das ist doch eigentlich integriert genug.

Was sollte sich ändern?

Hayriye: Die Politiker sollten uns arbeiten lassen.

Hassan: Man sollte mehr Rücksicht nehmen auf Kinder. Eine Abschiebung ist ein Schockerlebnis.

Das Interview führte Daniela Martens

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