Berlin : Eigentor im DDR-Gefängnis

Hermann Kreutzer hörte das Spiel im Zuchthaus. Die politischen Häftlinge sollten lernen, wie überlegen der sozialistische Sport ist

Marc Neller

Hermann Kreutzer denkt zuerst an eine misslungene Propaganda-Aktion, wenn der Name Helmut Rahn fällt. Rahn, der die bundesdeutsche Elf heute vor fünfzig Jahren im Berner Wankdorfstadion gegen die hoch favorisierten Ungarn zum Weltmeister machte. Held von Bern, nationales Symbol des „Wir-sind-wieder-wer“. In Westdeutschland.

Kreutzer ist heute 80 und Ministerialdirektor für deutsch-deutsche Beziehungen i. R. Jenen Endspiel-Sonntag am 4. Juli 1954 erlebte er im dritten Stock eines roten Klinkerbaus in Brandenburg/Havel. Als einer von 4000 politischen Gefangenen im DDR-Zuchthaus. Gut fünf Jahre zuvor ist er zu 25 Jahren verurteilt worden, wegen „konterrevolutionärer Tätigkeiten“, wie es hieß. Kreutzer, geboren im thüringischen Saalfeld, ist überzeugter Sozialdemokrat. Wie sein Vater und seine spätere Frau hält er die SPD für die einzig denkbare Partei. Daher ist er fassungslos, dass sie in der DDR mit der KPD zusammengeschlossen werden soll. Er verteilt Flugblätter, auf denen zu lesen ist, dass man die Zwangsvereinigung zur SED unbedingt verhindern müsse.

Als er nach Brandenburg kommt, hat er einige Jahre im berüchtigten Lager Bautzen hinter sich. „Dagegen war Brandenburg paradiesisch“, sagt er. Er sitzt in seinem Wohnzimmer-Sessel im neunten Stock eines Charlottenburger Hochhauses. Groß, breite Schultern, Hände mit kräftigen Fingern. Ein wuchtiger Mann. „In Brandenburg bekamen wir Essen und richtige Arbeit.“ Und am 4. Juli einen kostbaren Nachmittag: Die Anstaltsleitung kündigte Tage vorher an, sie lasse die Live-Übertragung des DDR-Rundfunks über die Flurlautsprecher laufen. „Das war eine echte Sensation.“

16.53 Uhr, Anpfiff. Die Zellentüren stehen offen, aber die Häftlinge dürfen ihre Zellen nicht verlassen. Kreutzer und drei Mitgefangene sitzen auf einem Klappbett. „Auf dem ganzen Gang war es totenstill.“ Nur einer spricht. Wolfgang Hempel kommentiert für das DDR-Radio ein Spiel, in dem die Ungarn schnell mit 2:0 führen. Irgendwann steht es 2:2. Und dann, kurz vor Schluss, Rahns Auftritt. „Schäfer flankt“, sagt der Reporter. „Da ist Rahn da, Rahn schießt, nein dribbelt, schießt – Tor. Tor.“ Der Reporter klingt nüchtern, wie es ihm aufgetragen wurde. „Eure Freunde“, haben die Senderchefs ihm bedeutet, „sind die Ungarn.“ So hat Hempel es später in Interviews erzählt.

Mit der Sachlichkeit der Häftlinge ist es nicht so weit her. Nach dem Tor hört man auf den Gängen nicht mehr Wolfgang Hempel, sondern wie der Jubel tausender Systemfeinde explodiert. Als das Spiel aus ist, singt einer „Deutschland, Deutschland, über alles.. .“ Ein Chor der Gefangenen stimmt ein. Sie grölen das Deutschlandlied, erste Strophe. „Dass die verboten war, hatten wir nicht mitbekommen. Wir saßen ja schon eine Weile ein.“ Die Wärter knallen die Zellentüren zu.

Eine Anekdote, die Fußnote eines wundersamen Fußballspiels. Einerseits. „Andererseits“, sagt Kreutzer, „hat sich die Stimmung im Knast durch diesen Tag verändert. Wir hatten mit einem Mal wieder so etwas wie Mut und Hoffnung, wenigstens für einige Zeit.“ In der Bundesrepublik hat man das auch gesagt: Ohne das Wunder von Bern hätte es das Wirtschaftswunder nicht gegeben.

Am 31. Mai 1956 wird Hermann Kreutzer auf politischen Druck des Westens vorzeitig entlassen. Er geht nach West-Berlin. Ab 1970 leitet er dort die politische Abteilung des innerdeutschen Ministeriums, ein ehemaliger Häftling, der für die Bundesregierung politische Häftlinge freikauft. Aber er hält die auf Annäherung bedachte Ost-Politik Brandts für Verrat, an der deutschen Geschichte und seiner eigenen. „Man darf“, sagt er, „mit den Kommunisten nur knallhart verhandeln – wenn überhaupt.“ Manchmal knetet er unruhig mit der linken Hand den rechten Daumen, wenn er von damals erzählt. Eine Journalistin, die ihn aus dieser Zeit kennt, sagt: „Er war durch seine Erfahrungen traumatisiert. Das ist verständlich, aber nicht hilfreich für einen hohen Beamten.“ Als er 1980 seinen Vorgesetzten, einen Staatssekretär, öffentlich heftig kritisiert, schließt ihn die SPD aus der Partei aus.

Und warum die sonst so reservierte Anstaltsleitung ihre Häftlinge Radio hören ließ? „Die wollten uns die Überlegenheit des sozialistischen Sports genüsslich vorführen.“ Da waren sich die Häftlinge schnell einig.

Einiges spricht dafür, dass das stimmt. Der Sieger schien schon vor dem Spiel festzustehen. In der Vorrunde hatte Ungarn die Deutschen 8:3 geschlagen. Und, der exzessive Jubel und die Gesänge blieben folgenlos. Die Aufseher schwiegen. Kein Aktenvermerk, keine Schikanen. „Die waren selbst daran interessiert, dass niemand davon erfährt.“ Kreutzer lehnt sich schmunzelnd in seinen Sessel zurück. Ein echter Held, dieser Rahn.

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