Berlin : Eike Warweg (Geb. 1939)

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es"

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Wo immer Eike Warweg war, bei dienstlichen Terminen, im Frühstückssaal eines Hotels, im Restaurant oder unterwegs in Prager Gassen – er verwickelte Menschen in Gespräche. Erfuhr er von einem seiner vielen Bekannten Interessantes über einen Dritten, nahm er auch mit diesem Kontakt auf. Wie mit dem Komponisten Hans Werner Henze. Er hatte gehört, dass Henze gerade ein Klavierquintett komponiert hatte, also rief er ihn kurzerhand an: ob er das Stück nicht mit seinen Freunden, dem Pianisten Holger Groschopp und dem Rimsky-Korsakow-Streichquartett, zur Aufführung bringen wolle. Henze willigte ein und lud alle zum Proben in sein Haus in Marino. Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes wurde das Stück im Kammermusiksaal gespielt. „Ein typischer Warweg“, nannten seine Freunde so etwas. Hätte er den Papst gebraucht, um irgendetwas auf die Beine zu stellen, er hätte nicht lange gezögert und ihn angerufen. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ – davon war Eike überzeugt.

Das galt auch für sein Berufsleben im Bezirksamt Neukölln, wo er zunächst als Jugendpfleger, dann als Pressesprecher des Bezirks arbeitete. Anfang der siebziger Jahre organisierte er den Jugendaustausch mit Israel, später Reisen in die zahlreichen Partnerstädte Neuköllns. Am meisten aber hing sein Herz an der Musik, und deshalb sorgte er dafür, dass Musiker aus Berlin in den Partnerstädten und Musiker von dort in Deutschland auftraten. Wie die Streicher des Rimsky-Korsakow-Quartetts aus Puschkin bei St. Petersburg.

Das Streichquartett hatte bei einem Empfang des russischen Generalkonsuls in Berlin gespielt. Weil viele der Gäste geredet hatten, statt der Musik zu lauschen, hatte Eike das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen. So entstand eine lebenslange Freundschaft, und er wurde so etwas wie ihr ehrenamtlicher Manager für Auftritte in Deutschland. Waren sie in Berlin, brachte er sie bei Freunden unter. Er kümmerte sich um Visa, mietete den Tourbus und las sich in die Musikliteratur ein, damit er die Veranstaltungen moderieren konnte.

Seine Beziehungen zu Russland bedeuteten ihm auch deshalb viel, weil sein Vater im Krieg dort gewesen war. Nach Kriegsende hatte der Vater seine Frau und die drei Söhne verlassen und eine neue Familie gegründet. Den Verrat verübelte Eike ihm sehr, und doch blieb da eine Sehnsucht. Die Familie lebte nun in ärmlichen Verhältnissen. Weil er schnell eigenes Geld verdienen musste, wurde er Tischler. Das Abitur machte er an der Abendschule nach, studierte Sozialpädagogik und machte eine Journalistenausbildung.

Weil er mit Heinz Buschkowsky, der seit 1991 als Bezirksbürgermeister sein Chef war, im Dauerclinch lag, war Eike auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung. Seit einer Weile schon hatte er Hilfstransporte in die ehemalige Sowjetunion organisiert. Nun fragte Puschkins Bürgermeister, ein alter Bekannter, beim deutschen Entwicklungshilfeministerium an, ob man ihm Eike Warweg als Berater senden könne. Man konnte. Allerdings hatte er, der große Netzwerker, es nun mit den Netzwerken anderer zu tun, die für ihn undurchlässig waren. Er wurde angefeindet und sogar bedroht. Immerhin, als er herzkrank wurde, kümmerten sich die Musiker vom Rimsky- Korsakow-Quartett und der Bürgermeister von Puschkin um ihn. Nach eineinhalb Jahren kehrte er nach Berlin zurück.

Nach dem Ende seiner Berufslaufbahn quälte ihn der Bedeutungsverlust. Es hatte ihn immer mit großem Stolz erfüllt, dass er, der von ganz unten gekommen war, „nicht zu Hänschen ging, sondern gleich zu Hans“. Einmal noch schmiedete er einen großen Plan: Er wollte ein Musikfestival in der Wüste der Insel Sinai veranstalten, eine Art klassisches Woodstock, aber daraus wurde nichts.

Er lernte nun, die Ruhe in seinem Buckower Mietshäuschen mit Garten zu genießen. Seine Netzwerke schmiedete er, als er kränker wurde, über das Internet. Und bis zum Schluss managte er das Rimsky-Korsakow-Quartett. Das letzte Konzert, das er organisieren konnte, geben die Streicher am kommenden Mittwoch, 18. Dezember, um 19 Uhr im Palais Lichtenau in Potsdam, Kurfürstenstraße 40. Candida Splett

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