Berlin : Ein 68er-Museum im Amerika-Haus?

Werner van Bebber

Man weiß nicht: Ist es Naivität oder Größenwahn, was die Grünen aus Charlottenburg-Wilmersdorf auf ihre 68er-Museumsidee gebracht hat. Erst bewarfen die 68er das Haus mit Farbbeuteln, jetzt werden sie, als historische Gestalten, als Geschichte gestaltende Kraft, dort einbalsamiert. Und doch liegt in all dem ein Reiz. West-Berlin war neben Frankfurt das wichtigste Spielfeld der Bewegung, und das Amerika-Haus stand gegen die Hybris der Studenten. Was wäre ehrlicher und aussagestärker, als nun in diesem Gebäude zu dokumentieren, wie aus hageren, Kotelletten geschmücken Soziologiestudenten dickbäuchig-vollbärtige Professoren mit Beamtenstatus und Premium-Pension wurden? Auch der Weg über die Klippe, den die RAF-Leute von ’68 aus nahmen und der längst seinen modisch-inspirierenden Reiz verloren hat, könnte hier enden. Ein Kuschelzimmer mit Matratzenlandschaft würde an die lendenlastige Bewegtheit von Rainer Langhans und den damals noch recht hörigen 68er Mädels erinnern. Und man könnte im Amerikahaus ein paar von den Terrakotta-Fliesen zeigen, die der Tyrannosaurus Rex der Bewegung, Doktor h. c. Joseph Fischer, in seinem Außenministerium verlegen ließ und die seine Amtszeit nicht überstanden. Etabliert, wie die 68er längst sind, würden sie das Museum sicher gern als Stiftung tragen, ganz wie in Amerika üblich.

Ein „68er-Museum“ im Amerika-Haus? Das wäre blanker Hohn. Und im Nachhinein eine Ohrfeige für die Amerikaner, die ihr Haus nicht so öffentlich nutzen konnten wie sie wollten. Die Absperrungen sind der anhaltenden Terrorgefahr geschuldet. Aber sie haben ihre Ursprünge in den 68er-Zeiten, in Krawallen und Ausschreitungen, die sich gegen den Vietnam-Krieg der USA richteten. Der Zorn darüber wurde an diesem freundlich wirkenden zweistöckigen Haus mit Steinwürfen ausgelassen. Es hatte mit seiner großen Bibliothek und mit zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen der Völkerverständigung dienen wollen. Nach dem Umzug vom Nollendorfplatz hatten sich die Amerikaner auf die Präsenz in der neuen City-West gefreut. Eine kurze Episode. Die meisten Berliner kennen das Haus seit Jahren nur verbarrikadiert, der Stadt entzogen. Die Kulturabteilung der Botschaft arbeitet seit einigen Jahren hier. Streng bewacht, hinter halb gesperrtem Gehweg, wirkt das Haus wie aussätzig. Wie es drinnen aussieht, zeigt nur eine Schautafel vor dem Haus. Ein Trauerspiel. Nach den Terroranschlägen vom 11. September legten Berliner an den Zäunen Kränze nieder, zündeten Kerzen an. Der Vorschlag der Grünen, gerade dieses Bauwerk zu einem Gedenkort für diejenigen zu machen, die es nie gemocht haben, ist ein unüberlegter Schnellschuss. Oder eine Provokation. Christian van Lessen

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